18. Juli 2009 17:33

Gelsenplage 

Der Gelsen-Terminator

Bernhard Seidl. Einer gegen 100 Milliarden: Der Zoologe gilt als bekanntester Gelsen-Jäger Österreichs. Seine Waffe: Eiweiß.

Der Gelsen-Terminator
© Niesner

Das Szenario erinnert an den Hollywood-Erfolgsfilm Ghostbusters. Eine Handvoll Männer, allesamt Biologen, durchwaten gegen fünf Uhr morgens einen kleinen Tümpel bei Tulln. Bewaffnet mit Rückenspritzen, die mit speziellen Eiweißpräparaten gefüllt sind, wollen sie dem Feind Nr. 1 – den Gelsen – den Garaus machen. Allen voran Bernhard Seidl. Der Zoologe gilt als DER Gelsenexperte des Landes.

Gelsen-Polizei
Er weiß, dass ihm die Gelsen nur ein kleines Zeitfenster geben, um sie zu bekämpfen. „Nur im Larvenstadium wirkt das Eiweißpräparat. Sind die Larven geschlüpft, ist es zu spät und die Weibchen nehmen ihre Jagd nach Blut auf“, erklärt Seidl.

Auf den rein biologischen Eiweißcocktail, den der Zoologe und seine Mitarbeiter in den Tümpel sprühen, reagieren die Larven allergisch, ihre Darmwände zersetzen sich und die Larven zerplatzen regelrecht. Von der Verwendung giftiger Pestizide hält er nichts. „Ich finde es unglaublich, dass von einigen Orten schon Hubschrauber-Einsätze gefordert werden.“

Tolle Lebensstrategien
Sein Verhältnis zu den lästigen Blutsaugern schwankt zwischen Bewunderung und dem Bewusstsein, dass die bluthungrigen Insekten für die Menschen eine Plage sind. „ Es gibt etwa drei Dutzend Arten von Gelsen in Österreich. Davon sind einige Arten sehr pittoresk“, schwärmt der Gelsenjäger.

ÖSTERREICH: Herr Seidl, was sind die Gründe für die aktuelle Gelseninvasion?
Bernhard Seidl: Es gibt etwa drei Dutzend Arten von Gelsen und davon sind vier Arten zu einer Massenentwicklung fähig. Es passiert relativ selten, dass Hochwasser innerhalb weniger Tage gleich zwei Mal kommt. Dass hat zur Explosion geführt. Denn Gelsen rechnen immer damit, dass ein Teil der Larven austrocknet. Deswegen legen sie eine Reserve an, um das Überleben zu sichern. In diesem Sommer konnten alle Larven schlüpfen.

ÖSTERREICH: Welche Gelsenart quält uns derzeit?
Seidl: Die Überschwemmungs-Gelse ist derzeit unterwegs. Die Tiere sind besonders hungrig nach Blut und stechen deswegen auch tagsüber.

ÖSTERREICH: Wie lange werden wir noch mit der Gelsen­Invasion kämpfen?
Seidl: Der Lebenszyklus einer Gelse verläuft so: Nach einer Woche verliert sie ihre Vitalität und wird schwächer. Die maximale Lebensdauer ist zwei bis drei Wochen. Ich denke, wir haben den Höhepunkt in diesen Tagen überschritten und es wird bald besser werden.

ÖSTERREICH: Wer ist Schuld an der aktuellen Plage?
Seidl: Es sind in den letzten Jahrzehnten sehr viele Fehler beim technischen Wasserbau passiert. Die Folge: Nach Hochwassern steht oft wochenlang noch das Wasser in Becken, etc. Dadurch werden manche Orte richtig terrorisiert von den Gelsenmassen.

Die schönsten Exemplare der Blutsauger werden bis zu zwei Zentimeter groß. Nach einer Woche verlieren die Haus-Gelsen ihre Vitalität. Die maximale Lebensdauer liegt bei drei Wochen. „Die Gelsen haben tolle Lebensstrategien. Sie sind echte Überlebenskünstler und schaffen es, unter den schwierigsten Umständen weiterzuleben“, schwärmt der Zoologe über das Talent der Gelsen.

Und was macht der Gelsen-Experte, wenn der Blutsauger nachts im Schlafzimmer surrt? Seidl: „Ganz klar: Auf die Jagd gehen.“


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