01. Oktober 2007 09:45

Kreuzschmerzen 

Der Rücken: Spiegel der Seele

Was steckt hinter Kreuzschmerzen? Psychotherapeut Ruediger Dahlke erklärt warum Stress, Konflikte und Belastungen Spuren hinterlassen.

Der Rücken: Spiegel der Seele
© sxc

Fest steht: Jedem zweiten Österreicher macht, zumindest gelegentlich, sein Kreuz zu schaffen. Die Erkenntnis, dass Rückenschmerzen in engem Zusammenhang mit der seelischen Verfassung eines Menschen stehen, ist jedoch relativ neu. Wegbereiter für die psychosomatische Sichtweise von Erkrankungen ist der deutsche Arzt und Psychotherapeut Ruediger Dahlke. MADONNA sprach mit ihm über die psychischen Hintergründe des Volksleidens Nummer eins.

Inwiefern ist der Rücken ein Spiegel der Seele?
Ruediger Dahle: Am Rücken können wir die Jahre ablesen, die wir „auf dem Buckel“ haben – und zwar ehrlicher als auf dem Gesicht. Er beantwortet gleichsam Fragen wie: Hat uns das Leben gebeugt oder gar krumm werden lassen? Unsere ganze Haltung drückt sich hier am deutlichsten aus: Demut, Eleganz oder Stolz. Gehen wir aufrecht durch’s Leben oder haben wir uns verbiegen lassen?

Wenn Sie selbst Rückenschmerzen haben: Schlucken Sie eine Voltaren-Tablette?
Dahlke: Nein, solche Medikamente hab ich noch nie genommen. Ich würde bei Rückenschmerzen immer raten, die Herkunft zu klären.

Wie macht man das?
Dahlke: Aufklärende Fragen wären hier: Hab ich mich überhoben? Welche Bürde lastet auf mir? Was bedrückt mich oder wer macht mich nieder? Was ist schwer zu ertragen? Übernehme und überschätze ich mich im Augenblick? Wenn das Aufrichten schwerfällt: Bin ich unaufrichtig mit mir selbst oder mit anderen? Ideal wäre es, in solch einer Situation die CD „Rückenprobleme“ (bei Goldmann-Arkana-Audio, um 17 Euro) zu verwenden, die hilft, die für einen persönlich entscheiden-den Fragen zu stellen und zu beantworten.

Was aber nützt mir beispielsweise die Erkenntnis, dass ich „mir zu viel auflaste“?
Dahlke: Ich kann all die entdeckten Lasten einer genauen Prüfung unterziehen. Und dann diejenigen bewusst absetzen, die ich nicht mehr tragen will. Und ich kann die bewusst tragen, die mir wichtig sind. Was man bewusst trägt, macht keine Beschwerden.

Große Leistungen entstehen oft dadurch, dass sich jemand viel auflastet...
Dahlke: Oft verbergen sich hinter großen Leistungen Kompensationsanstrengungen. Das heißt: Vielleicht will jemand, der sich zu viel aufbürdet, deutlich machen, wie stark und großartig er ist – gerade, weil er sich schwach erlebt und davon ablenken will.

Ich stürze und verreiße mir das Kreuz: Haben auch Unfälle einen seelischen Hintergrund?
Dahlke: Bestimmte Menschen ziehen Unfälle geradezu an: Statistisch betrachtet gehen 80 Prozent aller Unfälle auf das Konto von 20 Prozent der Menschen. Die Wissenschaft spricht von Unfallpersönlichkeiten; der Volksmund von Pechvögeln. Wer dazu bereit ist, findet hinter dem Unfallgeschehen aber sehr wohl Sinn. Man müsste sich fragen: Warum passiert das gerade mir? Wozu zwingt mich der Unfall? Und woran hindert er mich?

Auffällig viele Menschen leiden unter Haltungsproblemen. Was steckt dahinter?
Dahlke: Ein Rundrücken ist oft das Ergebnis einer den Eigenwillen brechenden Erziehung. Wenn das Kind ständig einen Kopf kürzer gemacht wird, wird es sich unter dieser Behandlung krümmen. Das Hohlkreuz ist dann oft die von der Umgebung eingeforderte Kompensation des Rundrückens, wenn Eltern das Kind auffordern: „Kopf hoch! Halt dich gerade!“

Eine aufrechte Körperhaltung ist für Sie gleichbedeutend mit Aufrichtigkeit. Ist es nicht unmoralisch, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen?
Dahlke: Die Gefahr besteht, wenn wir zu absolut deuten. Wir können aber nur das Thema sehen. Das heißt: Wenn jemand krumm durchs Leben geht, wissen wir nicht, ob er gedemütigt wurde oder in Demut lebt. Dass der Körper oder die Form des Mundes etwas über die Seele des Besitzers sagt, ist sicher gewöhnungsbedürftig. Wenn man aber verantwortungsbewusst mit dem Thema umgeht, verbirgt sich dahinter oft ein wundervoller Weg, um an seine Lebensaufgaben heranzukommen.


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