02. Juni 2010 12:43

Ärzte alarmieren 

Kinder-Diabetes stark am Steigen

Ursache unklar. Diagnose oft viel zu spät. Mehr Zentren gefordert.

Kinder-Diabetes stark am Steigen
© sxc

Wenn die neunjährige Sophie in der Schule ist, muss sie einiges beachten. Sie muss nicht nur den Lernstoff verfolgen, sondern auch genau darauf schauen, dass sie genügend Insulin injiziert und wie viele Kohlenhydrate sie zu sich genommen hat. Sophie ist seit ihrem ersten Lebensjahr an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt, wie rund 3.500 Kinder in Österreich. Die Zahl der Betroffenen steigt laut Medizinern alarmierend stark an. Die Ursache dafür ist unklar. Ärzte forderten deshalb am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien neue Betreuungsstrukturen für die Erkrankten und ihre Familien.

Zahl der Neuerkrankungen verdoppelt
Im aktuell ausgewerteten Beobachtungszeitraum von 1999 bis 2008 hat sich laut der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) die Zahl der Neuerkrankungen von Diabetes mellitus Typ1 bei Kindern und Jugendlichen verdoppelt. Besonders betroffen sind immer mehr junge Kinder unter fünf Jahren. Die Tendenz ist weiterhin alarmierend steigend. Interessanter Weise blieb dagegen - trotz Zunahme des Übergewichts im Kindesalter - die Zahl der an Diabetes mellitus Typ 2 (ehemals "Altersdiabetes") neu erkrankten Kinder weitgehend konstant.

Diagnose oft zu spät
"Die Diagnose wird oft viel zu spät erstellt", sagte Birgit Rami, Ärztin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde an der Medizinischen Universität Wien und Vorstandsmitglied des ÖDG. Wenn Symptome wie Durst, Harndrang, Müdigkeit und Gewichtsverlust übersehen werden, droht die Gefahr der Diabetischen Ketoazidose, einer schweren Stoffwechselentgleisung und Übersäuerung des Körpers. Bei Komplikationen kann es zu Hirnödemen, Thrombosen, akutem Nieren-oder Lungenversagen kommen. "Es droht Lebensgefahr", sagte Rami.

Mehr Zentren gefordert
Für mehr Information veröffentlichte die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Diabetologie und Endokrinologie Österreich unter dem Vorsitz von Rami Versorgungs-Leitlinien in Abstimmung mit anderen europäischen Ländern. "Die medizinische Versorgung in Österreich entspricht leider nicht dem internationalen Standard, v.a. fehlt es oft an Diabetesberatern und Psychologen", sagte die Medizinerin. Neben der Vermeidung akut bedrohlicher Komplikationen soll die geforderte Strukturverbesserung und damit verbesserte Diabetesschulung auch langfristige Komplikationen im späteren Erwachsenenalter weitgehend verhindern.

Die neuen Strukturen sollen multidisziplinär arbeiten und an diabetologisch spezialisierten, pädiatrischen Zentren eingerichtet werden. Gefordert wird ein Team, bestehend aus einem Kinderdiabetologen, Diabetesberater, Diätologen, Psychologen und einem Sozialarbeiter. Derzeit haben laut ÖDG nicht einmal die Uni-Kliniken in Innsbruck, Graz, Wien und Salzburg annähernd eine solche Versorgungsstruktur, wie sie für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes mellitus notwendig wäre, sagte Rami.

Das heißt, es müsse diesbezüglich in Österreich klar von einer medizinischen Unterversorgung gesprochen werden, meinte auch ÖDG-Präsident Raimund Weitgasser von der Universitätsklinik für Innere Medizin I am LKH Salzburg. "Wir sind noch lange nicht dort, wo wir hin möchten", sagte der Arzt.

Betreuungs-Problem
Die Betreuung von Kindern mit Diabetes in der Schule und im Kindergarten stellt oft ein ebenso großes Problem dar, da dies einen zusätzlichen Aufwand für die Pädagogen bedeutet. Diese sind oft nicht geschult, fürchten sich häufig vor der Verantwortung und dies mündet darin, dass Kinder mit Diabetes öfters keine Kindergartenplatz finden oder an Schulveranstaltungen nicht teilnehme dürfen.

Diabetes-Camps
Für viele Betroffene sind sogenannte Diabetes-Camps oft die einzige Möglichkeit einer kindgerechten Schulung, welche abseits einer stationären Versorgung stattfinden kann. Denn Kur- oder Reha-Möglichkeiten gibt es in Österreich für Kinder nicht. Derzeit gibt es für die Camp-Organisatoren und teilnehmenden Kinder keine oder nur eine sehr geringe finanzielle Unterstützung. Viele Eltern können sich eine Teilnahme ihrer Kinder nicht leisten. Dennoch opfern Ärzte dafür ehrenamtlich ihre Urlaubstage und können diese dienstrechtlich nicht geltend machen, sagte Weitgasser.

Die ÖDG startet einen Spendenaufruf, um betroffenen Kindern eine Campteilnahme zu ermöglichen. Spendenkonto: 280602 242 00, BLZ 20111, Erste Bank


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