20. Juni 2008 08:48

Neue Küche 

Entdeckung des Slow Foods

Barbara van Melle ruft zur Genussrevolution. Statt schneller Kost herrscht in Barbara van Melles Küche die Wiederentdeckung des Genusses.

Entdeckung des Slow Foods
© TZ Österreich/ Linda Larsson

Der Traum jeder Mutter ist bei TV-Moderatorin Barbara van Melle gelebte Realität: zwischendurch ein kurzer Stopp bei McDonald’s für ein kleines Happy Meal? Das raubt Van Melle nicht den letzten Nerv, denn diese Begierde kennen ihre beiden jüngsten Kinder (5 und 8 Jahre) nicht. Auch der obligate Griff in die Chips-Packung während der EURO ist bei der beliebten ORF-Moderatorin kein Diskussionsthema. Denn kulinarisch gesehen herrscht hier die Entdeckung der Langsamkeit. Sie nennt es Slow Food.

Bewusst genießen
„Ich habe mich durch meinen Job sehr viel mit Ernährung beschäftigt und irgendwann erkannt, dass wir einen anderen Weg einschlagen müssen“, schildert van Melle ihre lukullische Bekehrung zum bewussten Genießen. Seither befindet sich der ORF-Star auf der Suche nach dem Ursprung. Statt herkömmlichen Reis verwendet sie Einkorn. Und statt normalem Rindfleisch gibt es Hochland-Rind. „Slow Food möchte die regionale Genussvielfalt erhalten und setzt sich auch für das Revival alter Zutaten ein“, erzählt sie und bereitet gerade für ihre Kinder Reislaibchen aus Einkorn zu, einer seltenen Urweizen-Sorte, die, zwischen Steinen poliert, zu Reis wird.

Zurück zum Ursprung
Das Credo der Familie lautet: Essen ist die beste Medizin. Das „Körndl-Gericht“, das bei vielen Familien einen Ess-Streik auslösen würde, genießen die Van Melles ohne Protest. „Mein Mann sagt, ich erkoche ihm viele Jahre seines Lebens“, erzählt Barbara van Melle. Denn wer beim Kochen stets zu den besten Zutaten greift und auf Junk-Food verzichtet, der wird weder von Figurproblemen noch von gesundheitlichen Defiziten geplagt. Gourmets, die sich nach der Slow-Food-Philosphie ernähren, haben den richtigen Mix aus Kohlehydraten, Fett, Vitaminen und Ballaststoffen am Teller. Kalorien zählen ist hier keine Notwenigkeit. Dabei soll aber das Aroma der Gerichte nicht zu kurz kommen.

Geschmack schulen
„Ziel der Slow-Food-Bewegung ist es auch, den Geschmack wieder zu schulen“, so die Genuss-Botschafterin des langsamen Genuss. Daher investiert die erfolgreiche ORF-Moderatorin vor allem viel Zeit in die Suche nach den optimalen Bioprodukten. „Die Produzenten sind das allerwichtigste und als Konsument entscheiden wir mit, was und wie am Feld und bei der Tierhaltung gearbeitet wird“, erzählt Barbara van Melle. Oberstes Gebot bei der Wahl der Slow-Food-Zutaten: Sie müssen eine Top-Qualität haben, aus einer nachhaltigen und verantwortungsvollen Produktion sein und trotzdem leicht in der Küche zu verarbeiten sein. „ Denn wenn die Zubereitung zu kompliziert wird, dann wird sich Slow Food nicht durchsetzen“, so van Melle.

Slow statt fast Food
Und woher stammt diese Philsophie der Rückkehr zur Einfachheit? Die kulinarische Bewegung hat ihren Ursprung nicht Österreich, sondern in Italien genommen. Slow Food wurde 1986 in Italien von Carlo Petrini anlässlich der Eröffnung einer McDonald’s-Filiale an der Spanischen Treppe in Rom gegründet. Es sollte eine Gegenbewegung zum globalen Boom des Fast Foods sein. Mittlerweile ist Slow Food eine internationale Vereinigung mit vielen Mitgliedern in über 100 Ländern auf allen Kontinenten geworden. Slow Food steht für langsames, bewusstes Essen. Weg von der Schnell­lebigkeit hin zum Genuss. Dabei geht um angemessene Geschwindigkeiten im Umgang mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit der umgebenden Natur. Die lukullische Bewegung bemüht sich um die Erhaltung der regionalen Küche mit den heimischen Produkten, Tieren und Pflanzen. Generell gilt: Gut sind jene Zutaten, die nicht auf Reisen gehen müssen. Sprich: Man soll nur das essen, was die Bauern saisonal anbieten. „Bei Slow Food gibt es Erdbeeren oder Himbeeren eben nicht das ganze Jahr über,“ erklärt Barbara van Melle ihr Genuss-Credo.

Revival Alter Sorten
Der ORF-Moderatorin ist von der Bewegung derart überzeugt, dass sie nicht nur die neue Wien-Chefin von Slow Food ist, sondern derzeit auch mit dem Aufbau einer Plattform beschäftigt ist. Via Internet soll eine Vermarktungsmöglichkeit für Betreibe in ganz Österreich entstehen, die heute noch spezielle Tierrassen oder seltene Pflanzensorten züchten oder anbauen. Die Nachfrage bei den Gourmets ist oft sehr groß, doch die Vermarktung dieser Produkte schwierig. Van Melle: „Die meisten Bauern produzieren nur kleine Mengen.“ Aber damit nicht genug: Da die Slow-Food-Bewegung in Österreich immer mehr boomt, gibt es seit Kurzem auch einen sogenannten „Vielfalts“-Stand am Wiener Karmelitermarkt. Hier werden Raritätengemüse, wie etwa viele verschiedene Arten von Paradeisern, angeboten oder auch alte, meist schon vergessene Brotsorten. Und das ist gut so, denn durch die Globalisierung des Genusses geraten immer mehr Spezialitäten in Vergessenheit. „In den letzten 100 Jahren sind allein 75 Prozent unseres Saatgutes verloren gegangen, weil die Produktion weltweit in den Händen von einigen wenigen großen Konzernen liegt. Viele Pflanzensorten und auch Tierrassen sind unwiederbringlich verschwunden“, kritisiert van Melle.

Bio-Produkte
Und die ORF-Moderatorin predigt nicht nur den Erhalt von gesunden und köstlichen Spezialitäten, sie versucht sich auch selbst als Bio-Bäuerin. Im Vorjahr hat sie selbst Erdäpfel angebaut. Seither weiß sie, wie hart der Alltag eines Biobauern ist und wie viel Leidenschaft darin liegt. „Dieses Engagement muss uns etwas wert sein, da dürfen wir beim Einkaufen nicht allzu sehr auf den Preis schauen“, meint die Genuss-Botschafterin. Ein Appell, der Österreichs Bio-Bauern freuen wird.


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