03. Dezember 2009 09:47

Lebensmittelallergie 

Duftende Verlockungen mit Folgen

Die Weihnachtszeit steckt voller Gefahrenquellen für Lebensmittelallergiker.

Duftende Verlockungen mit Folgen
© sxc

Duftende Kekse, Omas Christstollen, Lebkuchen, köstlicher Glühwein und Punsch können für Nahrungsmittelallergiker zur bösen Überraschung werden. Denn viele Gaumenfreuden, die den Advent und die Festtage krönen, enthalten hoch-allergene Zutaten, die den Weihnachtsfrieden auf einen Schlag zerstören können. Menschen mit Nahrungsmittelallergien reagieren meist akut und folgenschwer - nicht selten endet ein besinnlicher Abend in der Notfallambulanz. Adrenalin, als Erste Hilfe-Medikament der Wahl, sollten Allergiker deshalb immer bei sich tragen.

Schwere allergische Reaktionen
Was für die einen die schönste Zeit im Jahr, ist für die 1-2% erwachsenen und ca. 2-5% kindlichen Nahrungsmittelallergiker eine Zeit voller - häufig versteckter - Gefahrenquellen. Zutaten und Gewürze in Keksen, (Kinder)Punsch etc. weisen eine hohe allergene Potenz auf. "Bereits kleinste Mengen sind ausreichend für eine schwere allergische Reaktion und können Beschwerden wie starken Juckreiz, Rötungen und Nesselausschlag am ganzen Körper, Übelkeit und Erbrechen, Bauchschmerzen und (blutigen) Durchfall auslösen", informiert Univ.-Prof. Dr. Zsolt Szépfalusi von der Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien.

Allergischer Schock
"Die Maximalvariante einer allergischen Reaktion ist der allergische oder anaphylaktische Schock. Dabei können aufgrund des plötzlichen Blutdruckabfalls innerhalb weniger Minuten lebenswichtige Organe wie Herz, Lunge und Gehirn nicht mehr ausreichend versorgt werden und es kommt zum Zusammenbruch des Kreislaufs. Ohne sofortige Notfallbehandlung kann der Allergieschock sogar tödlich enden. Diese lebensbedrohliche Extremsituation kündigt sich durch Schwellungen in Gesicht und Hals, Atem-, Schluck- und Sprechbeschwerden, Herzrasen, Schwindel und Schwächegefühl und Übelkeit an." Bei ersten Anzeichen heißt es deshalb rasch und richtig handeln: "Notfall-Medikamente einnehmen bzw. verabreichen und den Notarzt rufen", so Szépfalusi.

Adrenalin kann Leben retten
Über den neuesten Stand des medizinischen Wissens zur Versorgung von Patienten in der allergischen Notfallsituation Anaphylaxie bei Nahrungsmittelallergien diskutierten kürzlich hochrangige Haut- und Kinderfachärzte mit Spezialgebiet Allergologie. Wesentliches Thema in dieser Expertenrunde war Adrenalin als Notfallmedikament erster Wahl. "Allergische Reaktionen können nur durch Weglassen der entsprechenden Allergieauslöser verhindert werden. Da diese Nahrungsmittelallergene jedoch nie zu 100% vom Speiseplan gestrichen werden können, braucht es eine Notfallausrüstung, die immer griffbereit sein sollte", so Szépfalusi, der auch an diesem Experten-Meeting teilnahm. Diese Notfall-Apotheke besteht aus einem Kortisonpräparat, einem Antihistaminikum sowie einer Adrenalin-Fertigspritze. Die ersten beiden Medikamente wirken entzündungshemmend und abschwellend und kommen bei leichteren allergischen Allgemeinreaktionen zum Einsatz. Szépfalusi: "Adrenalin ist der wichtigste Bestandteil der Erste-Hilfe-Ausrüstung. Es stabilisiert in Minutenschnelle den Kreislauf und verhindert schwere Schockreaktionen."

Damit das Adrenalin im Ausnahmezustand einfach und sicher sowie in der richtigen Dosierung auch von Kindern selbst verabreicht werden kann, steht es in Form eines Autoinjektors zur Verfügung. "Der Adrenalin-Injektor, wird vom Arzt nach einer gesicherten Diagnose und Indikation auf Kassenrezept verschrieben." Für einen reibungslosen Ablauf soll die Handhabung des Adrenalin-Autoinjektors regelmäßig geübt werden. Eltern und Erziehende sowie Betreuungspersonen von Kindern mit Nahrungsmittelallergie sollten ebenfalls sicher in der Anwendung sein. "Unsicherheit in der Anwendung ist gefährlich, denn das Warten auf den Notarzt kostet wertvolle Zeit."

Häufige Auslöser in Keks & Co
"In der Zeit um Weihnachten häufen sich die Fälle allergischer Reaktionen und Notfallsituationen aufgrund einer Nahrungsmittelallergie, denn viele typisch weihnachtliche Speisen und Getränke enthalten hoch-allergene Zutaten", warnt der Kinderfacharzt. Im Ranking der häufigsten Allergieauslöser stehen Nüsse, bei Kindern vor allem Erdnüsse, an erster Stelle. Sie sind Bestandteil vieler Weihnachtsbäckereien und, was viele nicht bedenken, auch in Marzipan und Nougat enthalten. Auch nussfreie Schokolade kann Spuren von Nuss-Eiweiß enthalten. Weitere Allergene sind Kuhmilch, Weizenmehl und Hühnerei - ebenso in der Rezeptur jeder Weihnachtsbäckerei. Gewürze wie Zimt und Nelken, Grundzutaten von Glühwein und Weihnachtspunsch, stehen ebenfalls ganz oben auf der Liste der Nahrungsmittelallergene. Auch das klassische Festessen am Weihnachtsabend, Fisch und Meeresfrüchte, kann zum Verhängnis werden. Aufgrund des steigenden Konsums von orientalischem und asiatischem Essen treten zunehmend bislang seltene Allergien auf: exotische Früchte, Sesam, Curry, Soja, Cashewnüsse. "Weitere Gefahrenquellen sind Fertiggerichte und Backwaren. Aber auch Restaurantbesuche können für so manchen Allergiker zum Verhängnis werden, wenn er nicht penibel auf die Zutaten achtet", warnt Szépfalusi.

Ein weiteres Phänomen in diesem Zusammenhang sind pollen-assoziierte Nahrungsmittelallergien, sog. Kreuzreaktionen. Szépfalusi erklärt: "Pollenallergene gleichen in ihrer Struktur bestimmten Eiweißen in Nahrungsmitteln. Das bedeutet, dass ein Pollenallergiker beim Erstkontakt mit einem verwandten Molekül in einem Nahrungsmittel ebenfalls mit allergischen Symptomen reagieren kann." Mittlerweile leiden nahezu 60% der Pollenallergiker an einer Kreuzallergie (z.B. mit Nüssen). Der regelrechte Boom von Sojaprodukten in den letzten Jahren ließ beispielsweise die Sojaallergie aufgrund der Kreuzreaktion mit Birkenpollen stark ansteigen.

Allergieauslöser kennen und meiden
Erste mögliche Anzeichen einer Allergie müssen unbedingt ernst genommen und fachkundig abgeklärt werden. "Meist gleicht die Diagnose detektivischer Kleinarbeit, denn Betroffene wissen meist nicht so genau, worauf sie tatsächlich reagieren", so Szépfalusi. Für Kinder, die deutlich häufiger von Nahrungsmittelallergien betroffen sind als Erwachsene, gilt: "Je früher Eltern den Grund von allergischen Beschwerden ihrer Kinder kennen und sich entsprechend danach richten können, desto höher ist die Chance, ein Fortschreiten der allergischen Erkrankungen zu verhindern oder zu verzögern. Denn bereits im Kindesalter wird der Grundstein für eine spätere sogenannte "Allergiker-Karriere", das Durchleben mehrerer allergischer Krankheiten, gelegt."


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