11. Juni 2008 10:58

Schönheits-OP 

Mädchen wollen aussehen wie Heidi Klum

Der Körper soll als Eintrittskarte in ein erfolgreiches Leben fungieren. Dafür legen sich immer mehr Jugendliche unters Messer.

Mädchen wollen aussehen wie Heidi Klum
© AP

Die Stars tun es, die deutsche Millionärstochter Chiara Ohoven hat es getan, Schauspielerin Brigitte Nielsen will es demnächst vor laufender Kamera tun. Und viele Jugendliche träumen ebenfalls von einer Schönheitsoperation. "Wenn ich das Geld hätte, würde ich mir den ganzen Speck wegmachen lassen, am Bauch, an den Hüften und am Po", sagt Anne (17) aus Köln. Bei einer Schönheits-OP würde sie auch "Risiken und Schmerzen bis zu einer gewissen Grenze" auf sich nehmen, meint die Schülerin. Die Glitzerwelt der Reichen und Schönen beeindruckt sie: "Heidi Klum ist mein Vorbild. Sie ist bildhübsch und hat die tollste Figur. Ich habe mir jede Show von ihr angeguckt."

"Gefährliche" Casting-Shows
Sendungen über erfolgreiche Stars oder Casting-Shows wie "Germany's Next Topmodel" mit Millionen-Publikum vermitteln Heranwachsenden, wie sich normale Menschen quasi in Zeitraffer in Superstars oder traumschöne Models verwandeln, erklärt Uwe Schönrade, Medienforscher und Psychologe aus Köln. Gerade Pubertierende, die noch nach ihrer Rolle und Richtung suchten, seien bei fehlenden Vorbildern empfänglich für das inszenierte Idealbild mit makelloser Figur und perfekten Proportionen. "Das kann bei jungen Frauen bewirken, dass sie bereitwilliger zur Schönheits-OP laufen."

Keine Berührungsängste mehr
"So eine Casting-Sendung kann fördern, dass der Körper als Eintrittskarte in ein erfolgreiches Leben gesehen wird", sagt Schönrade. Mädchen stellten sich die Frage, wie auch sie eine Verwandlung schnell und ohne viel Mühe hinbekommen könnten. "Da entsteht dann der Gedanke: Nur schnell etwas Fett absaugen." Unter Jugendlichen sei die Berührungsangst beim Thema Schönheitsoperationen zugleich deutlich kleiner geworden, die "eher schon mit so etwas wie einem Haarschnitt" gleichgesetzt würden. Jeder reagiere aber anders auf derartige Shows, eine Generalisierung sei falsch.

Hohe Dunkelziffer
Unter einer Million Schönheitsoperationen im Jahr in Deutschland werden nach Schätzungen zehn Prozent an Minderjährigen vorgenommen. Der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) zufolge ist diese Zahl aus den USA "importiert" und fällt in Deutschland niedriger aus. Andere Experten gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus. Die meisten Schönheits-Patienten sind weiblich.

Körperliche und seelische Schäden
Bei einer zu frühen OP drohen laut DGÄPC langfristige körperliche und seelische Schäden: "Das hat damit zu tun, dass die Körperteile noch auswachsen müssen, aber vor allem auch mit der geistigen Reife und den sich im jungen Alter noch ändernden Schönheitsidealen." Im Internet tummeln sich Anbieter, die Brust-Vergrößerungen, Haut-Straffung oder Fettabsaugen anpreisen und auch mit Sonderangeboten oder Ratenzahlungen werben. Fehlanzeige aber, wenn nach Hinweisen zu Risiken oder besonderen Hürden bei Eingriffen an Minderjährigen gesucht wird. Im TV - mit Beiträgen wie der Doku-Soap "Spieglein, Spieglein" auf Vox - oder auch in Frauenzeitschriften hat das Thema Schönheits-OP ebenfalls Hochkonjunktur.

Keine OPs für 16-Jährige
Auch beim plastischen Chirurgen Ziah Taufig in Köln klopfen Mädchen an die Praxistür, die mit ihrem Aussehen unglücklich sind. "Wer mit 16 Jahren zur Brustvergrößerung zu mir kommt, den schicke ich aber sofort nach Hause", betont Taufig. Er operiere Minderjährige nur bei extrem abstehenden Ohren oder wenn sich bei Burschen nach der Pubertät eine weibliche Brust entwickle. "Wenn schwere psychische Probleme drohen, kann so eine Operation Schaden abwenden." Es gebe aber auch "rein monetär ausgerichtete Anbieter", die mit ihren häufig irreführenden Versprechungen auch dem Image der seriös arbeitenden Chirurgen schadeten. Ein plastischer Chirurg verfügt über eine Facharztausbildung, Schönheitschirurg darf sich dagegen jeder Mediziner nennen.

"Jeder ist schön auf seine Weise"
Heidi Klum weist zurück, dass ihre gerade in dritter Staffel zu Ende gegangene Erfolgsshow in einem Zusammenhang mit dem Thema Schönheitsoperationen stehen könnte. "Ich finde es natürlich auch nicht gut, wenn Minderjährige schon zur OP gehen", erklärte sie jüngst in Köln. Ihre eigene Schönheit sei natürlich, betont die 35-Jährige. Es tröstet Pubertierende aber wohl kaum, wenn das prominente Model den Slogan ausgibt: "Jeder ist schön auf seine Weise."

Figurprobleme immer früher
Schon sehr früh fangen Mädchen an, sich ernsthaft um ihre Figur zu sorgen, weiß die Bonner Psychologin Ingeborg Smigielski. "In der sechsten Klasse hat schon jede zweite eine Diät hinter sich." Überall werde den Kindern als Wert vermittelt: "Die Schlanksten sind immer die Schönsten." Auch Corinna (16) findet sich zu dick und würde sofort eine Operation in Kauf nehmen für einen glatten Bauch: "Ich hätte das wirklich nötig. Das machen ja sogar die, die sowieso schon schlank und hübsch sind."


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