09. Dezember 2009 10:49

"Skin Picking" 

Die Sucht nach reiner Haut

Zwangsstörung "Skin Picking": Wenn das "Herumdrücken" zur Sucht wird.

Die Sucht nach reiner Haut
© sxc

Es geschieht im Verborgenen, aber die Folgen sind nicht zu übersehen: das zwanghafte Kratzen und Zupfen an der eigenen Haut. Wohl jeder kennt den Drang, an einem Pickel oder Mitesser herumzudrücken - in einem gewissen Rahmen, glauben Experten, ist dies ein angeborenes Verhalten der Selbstpflege. Manche Menschen aber können nicht mehr damit aufhören.

Hautunreinheiten
Stundenlang bearbeiten sie selbst kleinste Hautunreinheiten hinter der verschlossenen Badezimmertür. "Manche melden sich sogar bei der Arbeit krank", weiß Birgit Mauler, Leitende Psychologin an der Münsteraner Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie. Denn die jeweiligen Hautpartien sehen danach oft so geschunden aus, dass sich die Betroffenen nicht mehr auf die Straße trauen. Nicht selten entzünden sich die Wunden, es können Narben entstehen. Viele leiden Jahre lang - und können dennoch nicht aufhören.

In den vergangenen drei bis vier Jahren mussten laut Mauler immer mehr Menschen deswegen stationär in die Klinik aufgenommen werden. Dabei ist das Problem der sogenannten Dermatillomanie, auch "Skin Picking" genannt, keineswegs neu - nach einer aktuellen Studie leiden immerhin 5,4 Prozent der Bevölkerung darunter. Allerdings wächst erst jetzt das Problembewusstsein: "Möglicherweise liegt das an ersten Medienberichten über eine verwandte Störung, das Haareausreißen", glaubt Mauler.

Gerade weil die Betroffenen bisher mit großem Geschick versucht haben, ihre Störung zu verbergen, ist sie noch kaum bekannt, und auch von der Forschung wurde sie bisher weitgehend ignoriert. Die Ursachen liegen denn auch weitgehend im Dunkeln. "Ich bin aber ziemlich sicher, dass es eng mit unserem Schönheitsideal zusammenhängt", sagt die Psychologin: "Die Haut muss perfekt sein, Hautunreinheiten werden nicht akzeptiert."

Zwangserkrankung
Hier liege auch die Verbindung zu einer Zwangserkrankung: "Die Patienten fühlen sich zum Beispiel unrein und müssen deshalb die Pickel, Mitesser oder eingewachsenen Haare beseitigen." Eine andere Gruppe von Betroffenen pult dagegen spontan aus einem Impuls heraus - etwa, um Stress abzubauen. Häufig treten beide Formen des Skin Pickings parallel auf. Viele Patienten berichten daneben über depressive Phasen oder Ängste.

Nicht nur im Gesicht, sondern auch in Körperregionen, die einfacher zu verstecken sind, kratzen und drücken die Betroffenen: am Rücken, im Brustbereich oder an den Beinen. Manche "Skin Picker" greifen zu Scheren, Pinzetten oder Messern. Andere kratzen auch den Schorf alter Wunden wieder ab. Das Paradoxe: Während das Ziel eigentlich darin besteht, die Hautunreinheiten zu beseitigen, ist die Haut nach einer solchen Bearbeitung erst recht von roten Stellen, Quaddeln und blutigen Wunden übersät. Währenddessen, berichten Betroffene, befinden sie sich in einer Art Trance, spüren nicht einmal Schmerz.

Der Leidensdruck kann erheblich sein. "Sobald man durch die Dermatillomanie in seinem Alltag eingeschränkt ist, sollte man sich dem Arzt anvertrauen", rät deshalb Mauler. Dieser entscheide dann, ob eine ambulante oder gar stationäre Therapie notwendig sei. Zwar lägen noch keine Zahlen vor, aber die Heilungsquote ist laut der Psychologin hoch.

Therapie
Die Patienten finden in der Therapie zunächst heraus, in welchen Situationen oder zu welchen Anlässen sie ihre Haut malträtieren und lernen gemeinsam mit dem Therapeuten, dem Drang bewusst zu widerstehen. Daneben probieren sie alternative Methoden zum Spannungsabbau aus, etwa das Kneten eines Balls oder das Ausführen einer bestimmten Handbewegung. Und werden motiviert, gängige Schönheitsideale zu hinterfragen: "Die Patienten sollen darüber nachdenken: Wie perfekt muss ich eigentlich sein? Bin ich auch mit ein paar Hautunreinheiten ein wertvoller Mensch?" Besonders wichtig aber sei es, sich bewusstzumachen, dass man dem Drang nicht völlig ausgeliefert sei.


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