07. Oktober 2008 10:14

Monika Lindner 

Ex-ORF-Chefin Lindner fordert Teilprivatisierung

Die frühere ORF-Chefin Monika Lindner sieht den ORF in einer problematischen Lage und hält eine Teilprivatisierung von ORF 1 für vorstellbar.

Ex-ORF-Chefin Lindner fordert Teilprivatisierung

Unglückliche Programmentscheidungen
In einer problematischen Lage sieht die frühere ORF-Generaldirektorin Monika Lindner den öffentlich-rechtlichen ORF. "Seit das neue Management angetreten ist, hat sich die allgemeine Lage sehr verschärft, und das wirkt sich überall aus. Die Digitalisierung hat die Quoten beeinflusst, und manche Programmentscheidungen, die nicht ganz glücklich waren, haben das noch gefördert", so Lindner, die inzwischen als Medienberaterin für die Raiffeisen Medicur-Holding tätig ist, im APA-Interview. Dazu komme die schwierige finanzielle Situation des ORF.

ORF-Finanzen: Es wird eng
"Das Problem ist, dass das Publikum und die Werbewirtschaft vor allem die Eigenproduktionen des ORF - egal, ob Fernsehspiel, Unterhaltung, Magazine oder Nachrichten - schätzen, und das kostet sehr viel Geld. Die Lizenzen und Rechtekosten steigen, die Personalkosten steigen, die Energiekosten steigen, und das Haus ist groß und kostet viel Geld. Die Einnahmen steigen aber nicht in gleichem Maß, und dadurch ergibt sich eine Schere." Lindner und ihr Nachfolger Alexander Wrabetz hätten auf diese Entwicklungen schon vor einigen Jahren in Finanzvorschauen hingewiesen. "Es war klar, dass es irgendwann eng wird. Dass jetzt auch noch die Finanzkrise dazu kommt, ist besonderes Pech. Das alles zu bewältigen, wird nicht einfach."

Kündigungen möglich
Wegen seines breit angelegten Programmauftrags habe der ORF wenig Spielraum. Die beim Publikum beliebten Eigenproduktionen sind ungleich teurer als Kaufprogramme, und der kleine österreichische Markt trage das nicht so wie in Deutschland. Natürlich sei auch Sparen beim Personal angesagt, "und durch die nicht bei allen beliebte Anstellung der freien Mitarbeiter und die Sanierung dieses arbeitsrechtlichen Problems ist heute auch die Möglichkeit gegeben, diese Arbeitsverhältnisse ordentlich zu beenden und zu kündigen".

Neuer Programmauftrag für den ORF
Letztlich brauche es aber einen "veränderten Programmauftrag durch den Gesetzgeber". Dann könne sich der ORF "vielleicht wieder rühren". Man könne nur dann vernünftig einsparen, wenn auch die Aufgabenstellungen angepasst werden. "So lange der Programmauftrag so aussieht, bleibt dem ORF gar nichts anderes übrig, als so weiter zu machen."

ORF-Abteilungen ausgliedern
Ob weitere Ausgliederungen oder Teilprivatisierungen von Unternehmensteilen des ORF Sinn machen, sollte geprüft werden. Mit der unter Lindner erfolgten Ausgliederung der Sendetechniktochter ORS, an der Raiffeisen mit 40 Prozent beteiligt ist, habe der ORF jedenfalls gute Erfahrungen gemacht. "Damals gab es auch Widerstände, das war auch eine Art Abspecken. Heute steht die ORS gut da und ist dabei, sich international gut zu positionieren", sagte Lindner. Man müsse sich anschauen, ob weitere Ausgliederungen "Sinn machen, ob es geht, wie die Belegschaft darauf reagiert, wie der Betriebsrat das sieht. Aber ich denke, wenn ein Unternehmen Probleme hat, dann ist es schon angesagt, dass Betriebsrat und Management zusammenarbeiten und alle Kraft einsetzen, um ein positives Bestehen eines solchen Unternehmens zu sichern."

ORF 1 Teilprivatisierung möglich
Vorstellbar sei laut Lindner sogar eine Teilprivatisierung von ORF 1, "aber nur dann, wenn alle Beteiligten das wollen und alle Kräfte zusammenwirken, um eine für alle Teile wirklich befriedigende Lösung zu finden. Da müssen alle mitspielen: Politik, Management, Belegschaftsvertretung."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Lindner für neuen ORF-Standort

Lindner für neuen ORF-Standort
Ex-ORF-Chefin Monika Lindner lässt im APA-Interview mit Aussagen zum Standort Küniglberg aufhorchen. War die frühere Generaldirektorin des öffentlich-rechtlichen Senders am Ende ihrer Amtszeit 2006 "aus einer gewissen Sentimentalität heraus" für die Beibehaltung und Renovierung des ORF-Zentrums, plädiert sie heute ganz klar für einen Neubau an einem neuen Standort. "Es wundert mich, dass es um die Frage des baulichen Zustandes des ORF-Zentrums so ruhig geworden ist. Im Lichte der jüngsten Entwicklungen besteht ganz einfach in jeder Hinsicht die Notwendigkeit, zusammenzurücken und die Strukturen zu verändern. Außerdem entspricht das Haus nicht mehr wirklich den organisatorischen Gegebenheiten."

ORF sollauf Rosenhügel übersiedeln
Für überlegenswert hält Lindner etwa eine Übersiedlung auf den Rosenhügel. Die ORF-Geschäftsführung will das 32.000 Quadratmeter große Rosenhügel-Areal ja in den nächsten Tagen zum Verkauf anbieten. "Es ist eine schwierige Entscheidung, in einer Zeit, wo Immobilien preislich nicht wirklich attraktiv sind, eine so wertvolle Immobilie wie den Rosenhügel zu verkaufen. Es ist die Frage, ob damit nicht auch eine Möglichkeit vertan wird, dort ein neues ORF-Zentrum zu bauen und sich vom Küniglberg zu trennen. Das wäre eine Möglichkeit, die man ins Auge fassen könnte. Der Rosenhügel hat Tradition als Filmstadt, es wäre schade darum."

Lindner: Keine Kritik an eigener Amtszeit
Gelassen kommentiert Lindner die bisher bekannten Ergebnisse des Rechnungshof-Rohberichts. Ein Teil des vom Rechnungshof geprüften Zeitraums betraf auch die Geschäftsführung Lindner. "Mir ist nicht bekannt, dass meine Amtszeit gröbere Kritik hervorgerufen hat, damit bin ich vorläufig zufrieden."

Dass der Rechnungshof die unter Wrabetz eingeführte Dezentralisierung in der Fernseh-Information mit zwei Hauptabteilungen kritisiert, sieht Lindner nicht als Genugtuung. "Ich war halt der Meinung, dass mit einem Chefredakteur und einer Disposition Doubletten vermieden werden und dass es bei einem Ereignis nicht drei Kamerateams braucht, sondern dass eines vielleicht reicht und die Disposition so flexibler wird und es wirkliche Einsparungen gibt. Einer der massivsten Vorwürfe gegen meine Geschäftsführung war, dass es so keine Pluralität und Meinungsvielfalt gibt. Ich habe auf das Selbstbewusstsein der Redaktion vertraut, dass hier kein Meinungszentralismus stattfindet. Die Mitarbeiter waren ja vorher und nachher die selben, und es ist jeder durch das Redaktionsstatut geschützt, seine Sicht der Dinge objektiv darzustellen. Die Fernseh-Information wurde nach mir neu aufgestellt. Und ich weiß nicht, ob es jetzt besser funktioniert und ob jene, die diese Pluralität so massiv eingefordert haben, damit jetzt glücklicher sind. Für mich war es nie der Versuch, die Meinung zu zentralisieren, sondern ausschließlich Produktion und Themenabstimmung einfacher zu machen."

Lindner: ORF-Stiftungsrat zu groß
Dass der ORF-Stiftungsrat, wie der Rechnungshof moniert, mit 35 Mitgliedern groß ist, kann Lindner "aus eigenem Erleben bestätigen". Natürlich sei es schwierig, mit 35 Aufsichtsräten zu kommunizieren. "Es ist für das Management sicher einfacher, mit einem kleiner dimensionierten Stiftungsrat zu arbeiten. Aber das Management kann sich den Aufsichtsrat nicht aussuchen."




Posten Sie Ihre Meinung Neu anmelden Login |