02. September 2008 12:14

ORF-Zukunft 

Harmonische ORF-Informationsfamilie

Interview mit Alexander Wrabetz über die Zukunft des ORF und die persönlichen Pläne des ORF-Generaldirektors.

Harmonische ORF-Informationsfamilie
© ÖSTERREICH/Erich Reismann

ÖSTERREICH Herr Wrabetz, Sie wollen bis 2010 250 Dienststellen einsparen, wie weit ist dieses Vorhaben schon umgesetzt?

Alexander Wrabetz: Wir müssen den ORF so aufstellen, dass die Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts bewältigbar werden – das heißt im Kern Themen- und Marktführerschaft beim Programm mit den niedrigstmöglichen Kosten. Dazu müssen wir den Mitarbeiterstand im ORF um 7,5 Prozent oder 250 Personen senken. Das soll durch natürliche Abgänge erfolgen indem wir freiwerdende Dienstposten nicht nachbesetzen. Von diesen 250 Positionen haben wir rund 70 Prozent bereits definiert. Heuer werden wir den Personalstand bereits um 50 Mitarbeiter senken, der Großteil wird dann 2009 und 2010 folgen. Es ist schwierig, aber wir werden es schaffen.

ÖSTERREICH Das ganze geht ohne Entlassungen über die Bühne?

Wrabetz: Ja.

ÖSTERREICH Außerdem wollen sie im kommenden Jahr 50 Millionen Euro einsparen, doch beim Finanzplan 2008 liegt der ORF schon jetzt mehrere Millionen zurück, bei den Werbeeinnahmen sollen sie fünf bis zehn Millionen Euro unter dem Plan liegen.

Wrabetz Wir sind im ersten Halbjahr bei den Werbeumsätzen tatsächlich unter Plan gelegen, jetzt wird es davon abhängen, wie sich der Herbst entwickelt.

ÖSTERREICH Stimmen die fünf bis zehn Millionen Euro?

Wrabetz Ich möchte einzelne Zahlen nicht kommentieren.

ÖSTERREICH Kann man das Minus noch wett machen?

Wrabetz Die kaufmännische Direktorin Sissy Mayerhoffer und die ORF-Enterprise arbeiten mit Hochdruck daran und werden ihr Möglichstes tun.

ÖSTERREICH Ist dieser Ausfall konjunkturbedingt oder liegt er an den sinkenden Marktanteilen des ORF?

Wrabetz Nein, die Marktanteile des ORF entwickeln sich gerade in den vergangenen Monaten sehr gut, wir liegen derzeit praktisch auf 40 Prozent. Vor allem die EURO, die Olympischen Spiele und die Entwicklung der Informationssendungen tragen zu diesem guten Marktanteils-Niveau bei. Aber es ist keine Frage - wir spüren wie die gesamte Wirtschaft eine leichte Abschwächung der Konjunktur und dazu den Preisdruck der deutschen Werbefenster, die nach dem Abschluss der Digitalisierung in über 80 Prozent der österreichischen Fernsehhaushalte zu empfangen sind.

ÖSTERREICH Stichwort Olympia, der ORF hat die Olympia-Rechte um mehrere Millionen gekauft, die Zuschauerspitzen lagen bei 200.000 bis 400.000 Sehern, ist es in Zukunft noch vertretbar, die Rechte für solche Großereignisse zu kaufen und sie in dieser Breite zu zeigen?

Wrabetz. Nach der ersten Zwischenbilanz haben sich 4,5 Millionen Österreicher eines der Olympia-Angebote des ORF angeschaut, also ist ein ganz großer Teil der Bevölkerung interessiert. Die einzelnen Sendungen haben zwar absolut gesehen nicht immer so hohe Zuschauer-Werte, aber sehr hohe Marktanteile. Das ist auch auf die ungünstigen Zeiten, zu denen die Übertragungen aus Peking laufen zurückzuführen, aber insgesamt liegt der Tagesmarktanteil im gesamten Olympiazeitraum über 40 Prozent, so gesehen bringt es schon etwas, die Spiele zu übertragen. Gerade bei den Olympischen Spielen ist das nicht nur eine Frage der Werbeeinnahmen, sondern auch des öffentlich-rechtlichen Auftrages. Natürlich - und wir reden schon über die Olympischen Spiele 2016 - muss das Wachstum der Sportrechte-Kosten ein Ende finden. Seit 1988 sind die Kosten für die Olympia-Rechte um 2.400 Prozent gestiegen. Das kann so nicht weitergehen.

ÖSTERREICH Könnte es sein, dass wir eines der großen ORF-Sportangebote Skifahren, Fußball mit Welt- und Europameisterschaft, Formel 1 und Olympische Spiele nach dem Auslaufen der derzeitigen Rechte nicht mehr im ORF sehen?

Wrabetz Wir werden ganz sicher beim Sport bei den Grundkompetenzen Fußball und Skifahren bleiben …

ÖSTERREICH … Formel 1 nicht?

Wrabetz Bei der Formel 1 läuft der Vertrag bis 2011, also gibt es derzeit keine Überlegungen für einen Ausstieg. Unsere Grundstrategie lautet, die vier Sportarten, die die Österreicher am meisten interessieren, möglichst gut abzudecken.

ÖSTERREICH Zum Thema Personaleinsparungen gibt es einen Punkt, wo Sie selbst gemeint haben, Sie könnten sich vorstellen mit einem oder zwei Direktoren weniger auszukommen. Derzeit steht die Online-Direktion stark in der Diskussion, braucht der ORF diese wirklich?

Wrabetz Wir sind im Online-Bereich sehr erfolgreich, für viele Mitbewerber sogar zu erfolgreich. Derzeit planen wir unter anderem auch einen Ausbau unseres Video-on-Demand-Angebotes vor. Und wir haben eine Struktur, die vom Stiftungsrat bis 2011 festgelegt ist. Man soll jetzt nicht so tun, als würde die Einsparung einer Direktion die finanzielle Situation des ORF maßgeblich verändern. ORF-Onlinedirektor Thomas Prantner und die Mitarbeiter in der ORF ON leisten gute Arbeit, daher ist eine Änderung der Struktur auf der Direktionsebene derzeit kein Thema. Mir ist wichtig, dass wir unsere Strukturen im Unternehmen insgesamt straffen und teilweise die Arbeitsabläufe neu definieren.

ÖSTERREICH Gibt es möglicherweise eine Fusion von Technik und Online-Direktion?

Wrabetz Die Frage ist eher, wie der ORF-Redakteur der Zukunft arbeiten wird, ob er Online-, Radio- und Fernsehbeiträge in einem gestalten wird

ÖSTERREICH Die Online-Aktivitäten des ORF waren auch ein Punkt im berühmten Brief aus Brüssel, sind da alle Bedenken zerstreut oder gibt es Auflagen, die erfüllt werden müssen?

Wrabetz Die Angelegenheit wird letztendlich in eine Vereinbarung zwischen der Republik Österreich und der EU-Kommission münden, in der es verschiedene Änderungen geben wird, die uns betreffen. Aber das ist derzeit zwischen der Bundesregierung und der EU-Kommission in Brüssel in Verhandlung.

ÖSTERREICH Geprüft wird der ORF derzeit auch vom Rechnungshof, gibt es schon einen ersten Zwischenbericht?

Wrabetz Den Rohbericht erwarten wir in den nächsten Wochen und der wird auch Vorschläge enthalten, die wir uns selbstverständlich sehr genau ansehen werden.

ÖSTERREICH Zum Beispiel …

Wrabetz Beispielsweise wird ganz großer Wert darauf gelegt werden, dass wir die Kostenführerschaft in allen Bereichen haben müssen, also alle Prozesse so gestalten, dass sie am Markt nicht kostengünstiger angeboten werden können. Ein anderer Punkt wird der Personalaufwand sein, wo wir auch noch einiges tun müssen.

ÖSTERREICH Das heißt, der ORF produziert derzeit in machen Bereichen noch zu teuer?

Wrabetz In manchen Bereichen sind wir ganz sicher dort, wo wir sein sollen, in anderen noch nicht. Insofern ist es genau das, was wir jetzt begonnen haben. Und wir werden uns in Bereichen, wo wir nicht so weit gekommen sind, die Kosten anschauen und mit der Belegschaftsvertretung über Regelungen, die nicht mehr zeitgemäß sind, reden müssen.

ÖSTERREICH Von welcher Größenordnung sprechen wir da?

Wrabetz Ich möchte mich nicht auf plakative Zahlen festlegen, aber klar ist, dass ein Teil von den 50 Millionen Euro, die wir einsparen müssen, zustande kommt indem wir die Personalkosten pro Kopf senken. Außerdem geht es um eine Anpassung der Kollektivverträge bei Punkten wie Arbeitszeitflexibilität, Überstunden und bestimmter Zulagen. Hier wollen wir auch bei den älteren Mitarbeitern schrittweise zu jenen Regelungen kommen, die für jüngere Mitarbeitern schon gelten.

ÖSTERREICH Wie hoch liegen die ORF-Personalkosten pro Kopf derzeit und wo müssen Sie hinkommen?

Wrabetz Das lässt sich nicht auf eine Zahl reduzieren, sondern ist ein Bündel von Maßnahmen.

ÖSTERREICH Mit 1. Juni wurden die Gebühren erhöht, das bringt Ihnen 22 Millionen Euro in diesem Jahr an zusätzlichen Einnahmen, 15 Millionen davon sollen in heimische Produktionen fließen. Was wird mit diesen 15 Millionen produziert, was sonst nicht umgesetzt worden wäre?

Wrabetz Zum Beispiel die letzten Donnerstag gelaufene Dokumentation über das Ende des Prager Frühlings, dann ein derzeit gerade entstehender Fernsehfilm über einen fiktiven Atomunfall in österreichischer Grenznähe – Titel „Der erste Tag“, dann noch die neue Staffel Niavarani-Staffel „Ex“ und die neue Filmreihe „Der Täter“ mit Erwin Steinhauer als Gentleman-Gauner – das sind Projekte, die wir zusätzlich in Auftrag geben konnten. Insgesamt eine ganze Palette an fiktionalen österreichischen Produktionen.

ÖSTERREICH Für Ende 2008 haben Sie auch einen neuen Anlauf für eine tägliche österreichische Vorabend-Serie angekündigt. Jetzt produziert der ORF gemeinsam mit Sat.1 250 Folgen der täglichen Telenovela „Anna und die Liebe“, damit sind diese Pläne wohl vom Tisch?

Wrabetz Eine eigene tägliche Serie können wir uns derzeit nicht leisten. Wir sehen zwar, dass wir mit Kaufprogrammen im Vorabend von ORF 1 Schwächen haben, aber wir müssen die Prioritäten im Hauptabend setzen.

ÖSTERREICH Wandern da nicht österreichische Produktionsbudgets nach Deutschland ab?

Wrabetz Jedenfalls nicht aus dem Topf, den wir aus den zusätzlichen Gebühreneinnahmen geschaffen haben, sondern wir finanzieren unseren Anteil wie immer schon geplant aus den normalen laufenden Co-Produktionsbudgets. Es geht insgesamt um den Bruchteil der Kosten einer vergleichbaren Eigenproduktion.

ÖSTERREICH Können Sie eine Gebührenerhöhung für die kommenden Jahre, ihre Funktionsperiode läuft bis 2011, ausschließen?

Wrabetz Derzeit gibt es dazu keine Überlegungen. Nach der jetzigen Anpassung ist eine weitere auch in einem längeren Zeitraum nicht angedacht.

ÖSTERREICH Erweist sich die Reform der ZiB-Familie aus heutiger Sicht als Erfolg?

Wrabetz Die neu geschaffene ORF 1-Informationsfamilie funktioniert sehr gut und ist vor allem für jüngere Zuschauer –täglich bis zu 1 Mio. - die wichtigste elektronische Informationsquelle geworden. Die Zeit im Bild-Sendungen auf ORF 2 laufen auf einem hohen Niveau. Ich bin mit der journalistischen Machart, dem Auftritt der Sendungen bis hin zu den Möglichkeiten des neuen und hochmodernen Newsrooms sehr zufrieden. Das hat sich alles sehr gut eingespielt und wir haben unser ehrgeiziges Etappenziel geschafft, auch ORF1 als eigenständiges Informationsmedium zu etablieren.

ÖSTERREICH Mit den Marktanteilen und Zuschauerzahlen sind sie zufrieden?

Wrabetz In Summe erreichen wir mit ORF 1 und ORF 2 deutlich mehr Zuschauer mit Informationssendungen als zuvor, also kann ich nur zufrieden sein.

ÖSTERREICH Wo liegen derzeit die größten Baustellen im Programm?

Wrabetz Die größte strategische Herausforderung liegt sicher darin, dass auf mittlere Sicht der gekaufte Film und die gekaufte Serie an Bedeutung verlieren werden, da sie über immer mehr Plattformen – denken Sie nur an Video on demand – abgespielt werden können. Logisch ist, dass sich mit dieser Entwicklung in der Fernsehzukunft mit diesen Angeboten nicht mehr die Marktanteile von früher erzielen lassen. Das bereitet uns zum Beispiel am Samstag-Hauptabend in ORF 1 Probleme. Für diesen Sendeplatz, aber auch für den Mittwoch-Hauptabend auf ORF1, müssen und werden wir österreichische Eigenproduktions-Formate entwickeln.

ÖSTERREICH Welchen Marktanteil erreicht der ORF aus heutiger Sicht im Gesamtjahr 2008?

Wrabetz Das Ziel sind 40 Prozent Tagesmarktanteil in Kabel/Satellitenhaushalten und wir sind für 2008 auf dem Weg dorthin. Damit halten wir auch unsere – in Österreich meist nicht beachtete – hervorragende Position unter den europäischen Top 3 der nationalen Senderfamilien.

ÖSTERREICH Wie steht es eigentlich in der Debatte um eine mögliche Absiedelung des ORF vom Küniglberg oder eine Sanierung des ORF-Zentrums?

Wrabetz Wir haben in den vergangenen zwei Jahren die Digitalisierungsumstellung bewältigt und das war sicherlich eine der größten Herausforderungen in der Geschichte des Unternehmens. Jetzt müssen wir sehen, dass wir die Kosten- und Strukturfragen lösen und in den nächsten Jahren möglichst hohe Reichweiten halten. Dann steht die Frage im Vordergrund, wie produzieren wir so, dass wir auch in zehn Jahren klarer österreichischer Marktführer mit unseren Medien sind. In welcher Betonhülle das stattfindet, ist eine Frage, die danach zu beantworten ist. Das hat zumindest bis 2011 Zeit.

ÖSTERREICH Apropos 2011, werden Sie dann für eine zweite Periode als Generaldirektor kandidieren?

Wrabetz Meine derzeitige Periode als Generaldirektor des ORF läuft noch dreieinhalb Jahre – fragen Sie mich bitte 2010.

Bei dem Interview handelt es sich um die Langversion eines Gesprächs, das am 24. August in der tageszeitung ÖSTERREICH erschien. Interview Albert Sachs.




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