03. März 2009 04:09

Kampf 

ORF-Chef lehnt beim Kanzler den Rücktritt ab

In einem dramatischen Vieraugengespräch hat der ORF-Chef den von Kanzler Faymann gewünschten freiwilligen Rücktritt abgelehnt.

ORF-Chef lehnt beim Kanzler den Rücktritt ab
© Michele Pauty

Der Kanzler nahm sich für seine liebste Nebenbeschäftigung – die Medienpolitik – ungewöhnlich viel Zeit: Rekordverdächtige drei Stunden konferierte er Donnerstag mit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz über die Zukunft des ORF.

Faymann ist besorgt: „Der ORF darf keine zweite AUA werden“, sagte Faymann im Interview: „Die letzte ­Bilanz ist besorgniserregend. Ohne neues Konzept und ohne neue Struktur droht beim ORF eine Katastrophe.“

Unter „neuer Struktur“ versteht Faymann auch eine neue Führung: Der bisherige ORF-Chef Wrabetz soll von Karl Amon abgelöst werden – alle (!) bisherigen Direktoren sollen gehen.

„Willst du gehen?“
Im Gespräch mit Alexander ­Wrabetz am Donnerstag wollte der Kanzler – bestätigen gut informierte Insider aus dem Kanzleramt – ausloten, ob der derzeitige ORF-Chef zu einem freiwilligen Rückzug bereit ist.

Faymanns Plan: Wenn Wrabetz in der Stiftungsratssitzung am 2. April nicht die Mehrheit für sein Zukunftskonzept „ORF 2015“ erhält, soll er freiwillig den Rücktritt erklären und ohne Abfertigung in einen „neuen Job“ wechseln.

Wrabetz sagt „Nein“
Der Plan des Kanzlers, Wrabetz zum freiwilligen Rückzug am 2. April zu bewegen, ist vorerst gescheitert.

Wrabetz hat im Gespräch am Donnerstag jeden Rücktritt vor seinem Vertrags­ende 2012 „definitiv“ ausgeschlossen. Gegenüber ÖSTERREICH sagte er gestern zu den Rücktritts-Gerüchten: „Ich trete unter Garantie nicht zurück. Ich lasse das Unternehmen ORF jetzt nicht im Stich, wechsle auch nicht in einen anderen Job, weil der ORF ohne funktionierende Führung in die gröbsten Schwierigkeiten kommen würde!“

Konzept-Offensive
Stattdessen arbeitet Wrabetz mit Hochdruck am Konzept für den „ORF NEU“, das er am 19. März an alle Stiftungs­räte versenden und am 2. April im Stiftungsrat zur Abstimmung bringen wird.

Das Konzept zeigt die Zukunft eines „tri-medialen“ ORF, der gleichermaßen für Fernsehen, Radio und Internet arbeiten soll. Wrabetz wird Einsparpläne „von 100 Millionen Euro“ präsentieren. Und er wird eine völlig neue Struktur des ORF mit nur mehr vier Direktoren vorschlagen.

„Keine Mehrheit“
„Dass Wrabetz am 2. April im Stiftungsrat eine Mehrheit für sein Konzept erhält, ist völlig ausgeschlossen“, sagen Insider aus dem Kanzleramt. Zu erwarten ist vielmehr, dass ein Vertreter aus ÖVP oder FPÖ eine Misstrauens-Abstimmung über den ORF-General erzwingen wird. Mit einer Zweidrittelmehrheit könnte Wrabetz gestürzt werden – doch dürfte die SPÖ einem Anti-­Wrabetz-Putsch im Stiftungsrat nicht zustimmen.

„Wenn Wrabetz nicht freiwillig geht“, sagt der Insider aus dem Kanzleramt, „werden wir ihn nicht stürzen. Das hat der ORF-General wirklich nicht verdient. Dann wird zunächst bis zum Jahresende ein neues ORF-Gesetz erarbeitet und beschlossen – und erst mit Beginn 2010, auf der Basis dieses neuen Gesetzes, der ORF auch personell mit Amon auf eine neue Basis gestellt.“




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