27. November 2008 14:58

Sender-Zukunft 

ORF baut über 1.000 Stellen ab

Rund 1.000 Angestellte weniger, ein neues ORF-Zentrum, Aus für "Bundesland Heute" sowie die Auflösung der Online-Direktion: Das gab ORF-General Wrabetz bekannt.

ORF baut über 1.000 Stellen ab
© csi
ORF baut über 1.000 Stellen ab
ORF baut über 1.000 Stellen ab

Die Stimmung war angespannt, als ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz am Donnerstag seine Maßnahmen zur Kostenreduktion in einer einstündigen Rede im großen ORF-Studio am Küngilberg den Mitarbeitern zur Kenntnis brachte. Das Ganze ist ein einschneidendes Paket.

Die wichtigsten Facts in Kürze:

  • Jobabbau: Der ORF baut erstmals in der Geschichte des Senders bis 2011 massiv Personal ab: von den bestehenden 3.400 Angestellten fallen rund 1.000 weg, übrig bleiben dann etwa 2.500 Angestellte, die dem Sparplan nicht zum Opfer fallen. Von den 100 definierten Führungspositionen und alten Dienstverträgen, wo die Gehälter deutlich über dem Marktschnitt liegen, will Wrabetz mit Kündigungen und Gehaltskürzungen gegensteuern. Hier sollen rund 25 % abgebaut werden.

    Die Personalreduktion soll unter anderem durch die Ausgliederung der Technik, des Radio-Symphonieorchesters, des Facility Managements, der Grafik sowie der ORF-Ausstattung zustande kommen. Zusätzlich wird es auch zu Kündigungen kommen. Der ORF will stattdessen verstärkt auf Freie Mitarbeiter setzen, die im Rahmen eines neuen Kollektivvertrags beschäftigt werden. Weiters soll ein verstärkter Altersabbau stattfinden. Ab Mitte 2010 soll im ORF niemand mehr über der Pensionsgrenze arbeiten. Um den betroffenen Mitarbeitern den Abschied zu erleichtern, will Wrabetz finanzielle Anreize geben, von einem durchgängigen "Golden-Handshake-Prinzip" wollte er aber nicht sprechen. ORF-Personalchef Wolfgang Buchner verliert seinen Job. Sein Nachfolger wird Reinhard Scolik, der dazu die Programmplanung und Koordination bekommt und eine Art Generalsekretär wird.
  • Lohnkürzungen: Die Pro-Kopf-Kosten sollen bei der ORF-Belegschaft reduziert werden. Möglich werden soll dies durch eine Nulllohnrunde, den Entfall des Überstundenzuschlages im Zeitraum von 20.00 bis 22.00 Uhr sowie von Wochenend- und Nachtdienstzulagen und Jubiläumsgeld. Darüber hinaus sollen die Dienstzeitregelung sowie Dienstreise- und Feiertagsregelung geändert werden.
  • Umsiedlung: Das ORF-Zentrum wird an einen anderen Ort verlegt, also weg vom Küniglberg. Die Standortfrage ist derzeit noch völlig offen. "Ich halte das Projekt eines neuen Standortes für wichtig", sagte Wrabetz bei der Informationsveranstaltung. Eine Entscheidung darüber soll der ORF-Stiftungsrat im ersten Halbjahr 2009 treffen. Außerdem will Wrabetz wie erwartet das Rosenhügelgelände und sonstige nicht betriebsnotwendige Liegenschaften veräußern.
  • Online-Direktion: Die Online-Direktion wird nicht offiziell, aber de facto aufgelöst. Die Tochterfirma ORF Online und Teletext GesmbH (ORF On) bleibt in ihrer Grundstruktur erhalten. Onlinedirektor Thomas Prantner bekommt bei TW1 ein neues Betätigungsfeld, wo er sich um die Umwandlung des Spartensenders in einen Info- und Kulturkanal "kümmern soll", so Wrabetz. Der dort tätige TW1-Geschäftsführer Werner Mück wird Ende 2009 in Pension gehen", sagte der Generaldirektor.
  • "Bundesland Heute": Auch wenn Wrabetz betonte, man könne "nicht noch mehr Geld aus dem Programm herausziehen", dürfte auch im Programm gespart werden. Die ORF-Magazine sollen "massiv in den Kosten reduziert werden", Informationsdirektor Elmar Oberhauser werde zu entscheiden haben, welche Formate erhalten bleiben. Zur Diskussion steht die Reduktion der "Bundesland Heute"-Sendungen am Wochenende von neun Sendungen auf eine einzige "Sammel-Sendung" für alle Bundesländer, allerdings erst 2010.
  • Sportveranstaltungen: Dem Vernehmen soll es auch bei den teuren Rechtekosten für große Sportveranstaltungen Kürzungen geben.

Geringere Werbeerlöse
Wrabetz erklärte die drastischen Maßnahmen mit den zu erwartenden finanziellen Einbußen bei den Finanzerträgen in Folge der Wirtschaftskrise sowie den sinkenden Werbeerlösen in Folge der wachsenden Reichweite der Privatsender. "Das frisst ohne Maßnahmen unser Eigenkapital weg", zeigte Wrabetz ein mögliches Szenario auf.

Ohne Maßnahmen würde das Konzern-EGT im Jahr 2012 auf ein Minus von 93,2 Millionen Euro und im Jahr 2013 auf minus 101,5 Millionen anwachsen. Dem will er entgegensteuern, sagte der ORF-Chef. Es gehe darum, den ORF auch für die Zukunft in seiner Gesamtheit zu erhalten. Das Leistungsangebot von ORF 1, ORF 2, Ö1, Ö3, FM4 und orf.at sowie der Landesstudios soll in vollem Umfang erhalten bleiben.

Das Paket bedarf freilich erst der Zustimmung der ORF-Stiftungsräte. Über die angepeilten Kündigungen wird die Geschäftsführung demnächst mit dem Betriebsrat sprechen müssen.

Erste Reaktionen auf die geplanten Kündigungen.

Eklat im Stiftungsrat
Am Vormittag war es zum "Eklat" zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat gekommen. Der Zentralbetriebsrat ließ die für 10.00 Uhr anberaumte erste Lohnrunde nach einstündiger Wartezeit, in der die Geschäftsführung nicht erschienen ist, platzen. Grund für die schlimme Verspätung der Geschäftsführung war eine Direktoriumssitzung, die angesichts des umfangreichen Maßnahmenpakets länger dauerte als erwartet. Die Personalvertreter sind allerdings nicht einmal telefonisch über die Verspätung informiert worden: "Offensichtlich ist es den Herrschaften auch völlig wurscht", so Zentralbetriebsratsobmann Gerhard Moser. Um 13 Uhr las Moser dann ein Statement vor, danach verließen die rund 100 Betriebsräte geschlossen den Saal, mit ihnen auch einige andere ORF-Mitarbeiter.

Wrabetz über die ORF-Zukunft: "Situation für den ORF ernst wie noch nie"
ÜBER die Organisation des ORF:
„Durch die schwierige Konjunktur werden unsere Strukturprobleme noch verschärft.“

Über den Personalabbau: „Wir wollen den Personalabbau durch natürlichen Abgang und forcierten natürlichen Abgang erreichen. Aber wir werden in Einzelfällen auch Kündigungen vornehmen müssen.“

Über die ORF-Finanzen: „Ohne Gegenmaßnahmen ist irgendwann 2012 das gesamte Eigenkapital des ORF aufgebraucht.“

Über Einsparungen beim Programm: „Die Programmbudgets sind bis zum Geht-nicht-mehr abgemagert.“

Über das ORF-Zentrum Küniglberg: „Auch wenn der Küniglberg mit sehr viel Sentimentalitäten verbunden ist, müssen wir uns fragen, ob es nicht wichtiger ist, dass wir auf der ,grünen Wiese' neu beginnen und einen neuen ORF-Standort schaffen. Das soll kein Medienzentrum sein, sondern ein wirklich neues ORF-Zentrum.“

Über die Landesstudios: „Es wird auch in Zukunft neun Landesstudios geben. Aber auch in den Landesstudios wird es zu Einsparungen kommen. Job-Garantien gibt es auch in den Landesstudios nicht.“

Über die Zukunft des ORF: „Wir müssen heute dafür sorgen, dass es den ORF auch in zehn Jahren noch als Leitmedium gibt.“

Über die Werbeeinnahmen: „Die Konjunktur wird wieder besser werden, aber die Strukturprobleme am Werbemarkt werden wir weiter haben. Die Werbeeinnahmen des ORF werden weiter sinken, Werbegelder zu den Privatsendern abwandern.“

An den Betriebsrat: „Das ist eine sehr schwierige Situation für den ORF, die nicht dadurch besser wird, dass man Gespräche verweigert. Ich bedauere, dass es zu einer Miss-Stimmung gekommen ist.“

An die Mitarbeiter: „Ich erwarte Ihre Einsparungsvorschläge.“




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