10. September 2007 16:42

Evas Sündenfall 

Presse-Reaktionen zum Fall Eva Herman

Die Blätter in Deutschland schlagen sich im Fall Eva Herman vorwiegend auf die Seite des NDR. Eine Auswahl an Presstimmen.

Presse-Reaktionen zum Fall Eva Herman
© AP

Nachdem der NDR die Zusammenarbeit mit Moderatorin und Autorin Eva Herman schlagartig beende hat, kommt aus dem deutschen Blätterwald überwiegend Lob. Eine Auswahl der Pressestimmen zum Fall "Eva Herman".

Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Essen)
"Wenn Eva Herman über die Hitler- und damit über eine aus ihrer Sicht teilweise gute alte Zeit spricht, tut sie das nicht am heimischen Herd, obschon sie ihn gern die natürliche Heimat der Frau nennt. Sie, die NDR-Talkerin, die Autorin, die PR-Moderatorin, sagt es allen, sagt es den Deutschen. Da fehlte eigentlich nur noch etwas Nettes über die Autobahnen, die Arbeitslosen, die Straßen, auf die man abends noch . . . Es geht nicht darum, dass man Familie als Gut nicht loben dürfte. Es geht um die Dreistigkeit, mit der Herman aus einem menschenverachtenden System eine Tugend herausschält und den Rest mit einem lapidaren "sehr schlecht" abtut. Und: Diese Tugend ist nicht einmal eine gewesen. Denn eine treusorgende Familienpolitik hieß für die NSDAP Rassenpolitik. Hieß: eine zuverlässige Keimzelle gesellschaftlicher Berechenbarkeit zu unterstützen - um sie zu kontrollieren. Wenn wir nicht Vorsatz unterstellen, hätten wir es im Fall Herman alternativ mit einer bizarren Ahnungslosigkeit zu tun. Beides wäre - der NDR hat schnell und gut reagiert - für eine Frau, die mal Tagesschau-Sprecherin war, ein Armutszeugnis mit der Note 1."

Neues Deutschland (Berlin)

"Dass der NDR seine Moderatorin Eva Herman vor die Tür gesetzt hat, ist zu begrüßen. Es ging wohl auch nicht mehr anders. Ihr ,Mutterkreuzzug' hat absurde Züge angenommen. Vieles, was im Dritten Reich gefördert wurde - ,Werte wie Familie, Kinder und das Mutterdasein' -, soll, so ihr Bedauern, später abgeschafft worden sein? Man fragt sich schon, aus welcher Schule Frau Herman ihre Geschichtskenntnisse hat. Und ach, man weiß es. Werte im Nationalsozialismus gab es nur in dessen eigener Ideologie. De facto hat er doch nichts geringer geachtet als ,Familie, Kinder und Mutterdasein'. Väter, oftmals die Ernährer (die Rolle, wie sie Eva Herman für Männer vorschwebt), und Söhne wurden ihren Familien entrissen, im Krieg verheizt. Mutterglück war das sicher selten. Jüdische Familien - Väter, Mütter, Kinder - haben noch auf ganz andere Weise ,Wertschätzung' erfahren, ebenso die in Russland, Polen, Frankreich ... Hübsch ist sie, blond ist sie, aber ist sie auch dumm? Wenn Frau Herman Werte im Nationalsozialismus sucht (und auch noch findet), ist das vor allem dreist. Umso dreister, als es sich für den Marktwert eines Buches auszahlt, wenn der Blätterwald rauscht, und sei der Grund auch ein skandalöser. Es ist zu befürchten, Frau Herman weiß das. Deshalb sollte man ihr den Gefallen, das Buch auch noch zu kaufen, nicht tun. Zum einen wegen dieses Mutter(Haken-)kreuzzuges, zum anderen - es lohnt sowieso nicht."

"Stuttgarter Nachrichten"

"Dass die Reduzierung der Frau auf Mutterschaft und das Hüten des Herdes kein Selbstzweck war, sondern seine feste strategische Funktion in einem auf Krieg und Vernichtung programmierten Unrechtssystem hatte, übersieht Herman. Dass hier keine Wertschätzung, sondern eine Instrumentalisierung im Kern also Verachtung durchscheint, kommt Herman leider nicht in den Sinn. Das mag im besten Fall naiv, im schlimmsten Fall eine bewusste, für ihr neues Buch verkaufsfördernde Provokation sein. Einerlei. Wer so redet, kann von einem öffentlich-rechtlichen Sender keine Plattform mehr erwarten. Soll die Autorin, die als Schreiberin und Moderatorin karrierebewusster ist, als sie es ihren Leserinnen empfiehlt, nun die neue Freizeit im Dienste strikter Häuslichkeit nutzen."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Kommentare aus dem Coburger Tageblatt, der Allgemeinen Zeitung und dem Südkurier.

"Coburger Tageblatt"

"Der NDR hat Eva Herman hinausgeworfen - und ist zu diesem radikalen Schnitt zu beglückwünschen. Die Journalistin, die ihr Handwerkszeug einst beim Bayerischen Rundfunk gelernt hat und als Tagesschau-Sprecherin eine Galionsfigur der unabhängigen deutschen Presse war, hat mit ihrem Schönreden der Mutterrolle im Dritten Reich den Bogen überspannt - gerade jetzt, wo es den Anschein hat, politische Positionen aus dem Repertoire der Nationalsozialisten seien einer zunehmend apolitisch werdenden Öffentlichkeit wieder vermittelbar. Ihre gestrigen Wertungen der Frauenemanzipation ("Das Eva-Prinzip") mag man ja noch als skurril hinnehmen, das Lob für die menschenverachtende Mütterpolitik der Nazis ist mehr als ein Eigentor - die Rote Karte des NDR ist okay."

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Kommentare

"Allgemeine Zeitung" (Mainz)

"Eva Hermanns These, dass die Nazis 'Werte wie Familie, Kinder und das Mutterdasein' hochgehalten hätten, ist eine bodenlose Unverschämtheit, die einem den Atem verschlägt. Was meint die Dame? Etwa Mutterkreuz und Lebensborn? Den meisten Menschen dürfte zur Familienfreundlichkeit der Nazis jüdische Familien einfallen, die auf den Rampen der Vernichtungslager mit Knüppeln auseinandergetrieben wurden. Dass der NDR nach dieser furchtbaren Entgleisung von Eva Herman die Notbremse gezogen hat, ist verständlich. Mehr noch: Es war ein Muss."

"Südkurier" (Konstanz)

"Ginge es nach Eva Herman, stünden alle Frauen hinterm Herd und trügen stolz ein Mutterkreuz auf ihrer Säuglinge stillenden Brust. Das Lob für die Wertschätzung der Mutter während der NS-Zeit hat Eva Herman, Autorin des Buchs "Das Eva-Prinzip", den Job gekostet. Nicht den in der Küche, sondern auf dem Bildschirm. Der NDR hat seine langjährige Moderatorin mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. Über traditionelle Familienvorstellungen lässt sich diskutieren. Nicht aber über derart blödsinnige und verharmlosende Bemerkungen über die Rolle der Frau während der NS-Zeit. Dass der NDR die Äußerungen seiner einst beliebtesten Moderatorin nicht mehr duldet, war abzusehen. Denn bereits das "Eva-Prinzip" hatte am Image des Senders, der sich gerne als liberal und gesellschaftspolitisch neutral darstellt, gekratzt. Herman kann ihren 'Mutterkreuzzug' fortsetzen. Aber ohne die Öffentlichkeit des Senders wird dieser mühevoller."

Neues Deutschland (Berlin)

"Dass der NDR seine Moderatorin Eva Herman vor die Tür gesetzt hat, ist zu begrüßen. Es ging wohl auch nicht mehr anders. Ihr ,Mutterkreuzzug' hat absurde Züge angenommen. Vieles, was im Dritten Reich gefördert wurde - ,Werte wie Familie, Kinder und das Mutterdasein' -, soll, so ihr Bedauern, später abgeschafft worden sein? Man fragt sich schon, aus welcher Schule Frau Herman ihre Geschichtskenntnisse hat. Und ach, man weiß es. Werte im Nationalsozialismus gab es nur in dessen eigener Ideologie. De facto hat er doch nichts geringer geachtet als ,Familie, Kinder und Mutterdasein'. Väter, oftmals die Ernährer (die Rolle, wie sie Eva Herman für Männer vorschwebt), und Söhne wurden ihren Familien entrissen, im Krieg verheizt. Mutterglück war das sicher selten. Jüdische Familien - Väter, Mütter, Kinder - haben noch auf ganz andere Weise ,Wertschätzung' erfahren, ebenso die in Russland, Polen, Frankreich ... Hübsch ist sie, blond ist sie, aber ist sie auch dumm? Wenn Frau Herman Werte im Nationalsozialismus sucht (und auch noch findet), ist das vor allem dreist. Umso dreister, als es sich für den Marktwert eines Buches auszahlt, wenn der Blätterwald rauscht, und sei der Grund auch ein skandalöser. Es ist zu befürchten, Frau Herman weiß das. Deshalb sollte man ihr den Gefallen, das Buch auch noch zu kaufen, nicht tun. Zum einen wegen dieses Mutter(Haken-)kreuzzuges, zum anderen - es lohnt sowieso nicht."




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