12. September 2008 21:20

Rohbericht 

Rechnungshof vermisst Gesamtstrategie für ORF

Der RH kritisiert in seinem Rohbericht auch ineffiziente Organisationsstrukturen, zu geringe Einsparungen und teils überteuerte Altverträge.

Rechnungshof vermisst Gesamtstrategie für ORF
© APA

Der Rechnungshof kritisiert in seinem Rohbericht über den ORF eine fehlende langfristige Gesamtstrategie für die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Senders sowie teilweise ineffiziente Organisationsstrukturen vor allem im Personalmanagement und im Produktionsbereich zwischen Technik und ORF-Programm. Weiters stellt der RH die Sinnhaftigkeit der Einrichtung der Online-Direktion in Frage. Darüber hinaus vermissen die Prüfer die Realisierung von Einsparungspotenzialen aus einer Studie des Managementberatungsunternehmens McKinsey und bemängeln die zum Teil über Markt liegenden Personalkosten aus Altverträgen.

"Die insgesamt 56 Anmerkungen und Empfehlungen des Rechnungshofs werden von meiner Geschäftsführung sehr ernst genommen, und wir werden diese gewissenhaft aufarbeiten", so die Reaktion von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz.

24 Empfehlungen erledigt
Die Kritikpunkte entsprechen im Wesentlichen jenen, die der Geschäftsführung und dem Stiftungsrat bereits bei einer Besprechung vor dem Sommer präsentiert wurden. Laut ORF geben die Rechnungshofprüfer 56 Empfehlungen ab, von denen eine "Erstanalyse 24 bereits umgesetzte oder in Umsetzung begriffene ergibt".

Strategieprozess in Arbeit
Zur strategischen Kritik hielt der ORF fest, dass es tatsächlich "seit mehr als 20 Jahren keine vom Stiftungsrat beschlossene Gesamtstrategie" gebe. Jetzt haben die ORF-Gremien aber schon vor Monaten die Einleitung eines umfangreichen Strategieprozesses beschlossen, der auch die Erarbeitung eines neuen Unternehmensleitbildes vorsieht. Auftakt dafür ist die Sitzung des ORF-Stiftungsrats am Samstag.

Personalmanagement im Umbau
Zu den von den Rechnungshofprüfern georteten "ineffizienten Organisationsstrukturen" im Personalmanagementbereich - kritisiert wird hier offenbar die Aufsplittung in Administration sowie Aus- und Fortbildung - erklärte der ORF, dass dafür "ein umfassender Umbauprozess in Vorbereitung" sei. Die Kritik am Finanzplanungs- und Abwicklungsbereich der Produktionswirtschaft zwischen Programm und Technik sei "in weiten Bereichen ernst zu nehmen" und werde in strukturelle Maßnahmen münden, die derzeit in einem Projekt vorbereitet werden", so die ORF-Führung weiter.

Online-Direktion bleibt
Die vom Rechnungshof geäußerte Kritik an der Einrichtung der Online-Direktion wird vom Management des öffentlich-rechtlichen Senders aber nicht geteilt. Die Einrichtung einer Online-Direktion erschien unter der früheren ORF-Chefin Monika Lindner sinnvoll, eine Abschaffung am Beginn der Periode des jetzigen ORF-Generaldirektors Alexander Wrabetz wäre als "falsches Signal für den Online-Markt gewertet worden".

71% des Soll eingespart
Das Beratungsunternehmen McKinsey ortete im Jahr 2004 in einer Studie Einsparungsmöglichkeiten von rund 27 Millionen Euro. Der Rechnungshof bemängelt die bis Ende 2007 geringe Zielerreichung von 52 Prozent, der öffentlich-rechtliche Sender betont allerdings, dass man inzwischen 71 Prozent der Sparziele in weiteren Schritten umgesetzt habe.

Personalkosten nicht kürzbar
Zur Kritik an den hohen Personalkosten hält der ORF fest, dass man bereits mit der Einführung des Kollektivvertrags 1996 versucht habe, auf die über Markt liegenden Entlohnungssysteme der "alten FBV" zu reagieren. Mit dem Kollektivvertrag 2003 seien schließlich für neu eintretende Zugänge annähernd Marktbedingungen hergestellt worden. Bei der "Freien Betriebs-Vereinbarung" handle es sich um Einzelverträge, die in ihrer Substanz laut ORF "kaum nach unten veränderbar sind, wobei mit dem Zentralbetriebsrat bereits Verhandlungen über Veränderungen bei Zulagen, Arbeitszeitflexibilisierung, Vorrückungen etc. aufgenommen wurden".

Der Rechnungshof bestätigt laut ORF auch den strategischen Zukunftsweg, zum Beispiel den technologischen Möglichkeiten durch die Einführung von "Content Management Systemen" Rechnung zu tragen. Damit würden TV, Radio, Online und Teletext in der journalistischen Arbeit völlig neu organisiert und bedürften selbstverständlich vollkommen anderer Organisationsstrukturen.

Keine Skandale
"Der ORF in zehn Jahren wird vom Management abwärts ganz anders aufgestellt sein", so ORF-Chef Alexander Wrabetz. "Für mich ist es ganz wesentlich, dass dem ORF und seinen Mitarbeitern weder Misswirtschaft noch Verschwendung oder Skandale vom Rechnungshof vorgeworfen werden. Historisch gewachsene Strukturen samt nicht mehr zeitgemäßen Vertragsgrundlagen werden wir in Abstimmung und in Verhandlungen mit der Personalvertretung Stück für Stück anpassen und korrigieren."

Kein Zusammenlegen
Nicht alle Empfehlungen des Rechnungshofes seien laut ORF freilich aus heutiger Sicht zielführend oder sofort umsetzbar. So sei die Zusammenlegung der Fernsehdirektionen mit der Radiodirektion derzeit weder technologisch noch infrastrukturell ohne Weiteres möglich. "Naturgemäß behandelt und beurteilt der Rechnungshof nahezu ausschließlich nach wirtschaftlichen Kriterien. Für den ORF sind aber in der Umsetzung des öffentlich-rechtlichen Auftrags auch Werte wie 'journalistischer Pluralismus' für unsere Glaubwürdigkeit von hoher Bedeutung", so ORF-Chef Wrabetz.




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