30. September 2008 13:26

Finanzkrise 

Stiftungsräte über ORF-Minus besorgt

Besorgt reagieren ORF-Stiftungsräte auf die schlechte Ergebnisprognose des ORF, Personalabbau und Null-Lohnrunde als Lösung?

Stiftungsräte über ORF-Minus besorgt

Abwartend bis besorgt reagieren Mitglieder des ORF-Stiftungsrats auf die negative Ergebnis-Prognose beim ORF. Das wegen Großereignissen wie EURO und Olympia geplante negative Ergebnis von 27,9 Millionen Euro wird sich 2008 voraussichtlich um 32,6 Millionen auf minus 60,5 Millionen Euro verschlechtern, informierte die ORF-Geschäftsführung Montagnachmittag in ihrem Quartalsbericht. Als Grund für die Ergebnisverschlechterung wurden durch die internationale Finanzkrise bedingte geringere Finanzerträge sowie Einbrüche bei den Werbeeinnahmen angeführt.

Gebührenbefreiung abgelten
Karl Krammer, Leiter des SPÖ-"Freundeskreises" im ORF-Stiftungsrat, wünscht sich eine genaue Analyse, wie das Ergebnis-Minus zu bedecken ist. "Mittelfristig muss man sich - in Kombination mit dem Rechnungshofbericht - die ORF-Strukturen anschauen", sagte Krammer der APA. Der ORF habe zuletzt rund um die Nationalratswahl eine "super Performance" hingelegt und "gezeigt, was öffentlich-rechtlich heißt". Die Erfüllung dieses öffentlich-rechtlichen Auftrags müsse auch in Zukunft gelingen. Die ORF-Finanzierung müsse deshalb mittel- und langfristig abgesichert werden. Als einen wichtigen Punkt auf dem Weg dort hin führte Krammer die Abgeltung der Gebührenbefreiungen durch den Bund an. Der ORF verliert durch die Gebührenbefreiungen 57 Mio. Euro im Jahr.

ORF in wirklicher Schieflage
Von einer "dramatischen Veränderung der Situation" sprach der Leiter des ÖVP-"Freundeskreises", Franz Medwenitsch. "Das Unternehmen ist in eine wirkliche Schieflage geraten." 2008 werde sich noch irgendwie ausgehen, für die Bilanz 2009 zeigte sich Medwenitsch hingegen besorgt. "2010 wird es wohl wieder eine Finanzspritze für den ORF geben müssen." Der zuletzt wiederholt getroffene Vergleich mit der maroden verstaatlichten Industrie der Siebziger Jahre sei jedenfalls nicht ganz falsch. Verärgert zeigte sich der ÖVP-Stiftungsrat auch darüber, dass die ORF-Führung die Gremien erst jetzt - "ein halbes Jahr zu spät" - über die zu erwartende Ergebnisverschlechterung informiert hat.

Großes Fragezeichen
BZÖ-Stiftungsrätin Huberta Gheneff-Fürsts "erster Eindruck" war, "dass jetzt Amerika für sehr viel herhalten muss, aber Amerika kann nicht für alles herhalten". Gheneff will in der Stiftungsratssitzung Mitte nächster Woche von der ORF-Führung ein Strukturkonzept und ausgereiftes Strategiekonzept einfordern. "Wenn das die Geschäftsführung nicht kann, dann muss es eben jemand anderer machen." Der ORF müsse sich entscheiden, ob er sich als Content-Produzent oder als Technik-Unternehmen sieht. Mehr Aufklärung wünscht sich die orange Vertreterin von der ORF-Spitze über den Personalbereich und über das "große Fragezeichen" Technik. Als "staatliches Unternehmen" müsse der ORF im Personalbereich über ähnliche Lösungen wie bei Telekom oder Post nachdenken. Wenn der Personalstand und die Personalkosten zu hoch sind, müsse man eben auch über das Thema "Personalabbau" nachdenken.

Schwere finanzielle Turbulenzen
Kritisch werden die ORF-Finanzen auch von der Grünen Stiftungsrätin Monika Langthaler eingeschätzt. "Gebetsmühlenartig kann ich immer nur das gleiche wiederholen: Wenn es nicht massive Strukturveränderungen gibt, kommt dieses Unternehmen in schwere finanzielle Turbulenzen." Der ORF sollte auch ohne internationale Finanzkrise positiv bilanzieren. Es brauche daher eine "große Strukturreform". Für die gerade angelaufenen Kollektivvertragsverhandlungen zwischen ORF-Geschäftsführung und Betriebsrat schlägt Langthaler Zurückhaltung vor. Lediglich bei Brutto-Einkommen bis 3.000 Euro sollte es eine "Anpassung" geben. Bei den ohnehin "enormen Personalkosten" sollte es indes für "alle ORF-Mitarbeiter, die über 3.000 Euro liegen - und das ist eine große Menge -, eine Null-Lohnrunde geben". Alles in allem seien die prognostizierten Ergebniszahlen "in hohem Maße unerfreulich, aber nicht ganz überraschend".




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