01. Juli 2008 11:07

Gigantisches Peking 

300 Mio. Euro teures "Vogelnest"

Ob die Olympischen Sommerspiele in Peking auch sportlich ein Erfolg werden, ist noch offen. Infrastrukturell setzten sie jedenfalls neue Maßstäbe.

300 Mio. Euro teures "Vogelnest"
© GEPA

Sollte ein Olympia-Besucher noch Zweifel an der Größe und Schaffenskraft der chinesischen Nation gehabt haben, so werden sie ihm bereits beim Landeanflug auf den Pekinger Flughafen ausgetrieben. Zwei Kilometer lang ist nicht die Landebahn, sondern das neue Terminalgebäude 3 des Pekinger Flughafens. Das 170 Fußballfelder große Bauwerk, das samt Verkehrsanbindung 1,6 Milliarden Euro gekostet hat, ist aber nur die Ouvertüre des architektonischen Feuerwerks, das Peking im Olympia-Jahr abbrennt.

Während die vom britischen Stararchitekten Norman Foster erdachte Glas-, Holz- und Stahlkonstruktion in Form eines riesigen Hangars mit schierer Größe beeindruckt, ist es bei den Olympia-Zweckbauten die ungewöhnliche Form, die den Betrachter in den Bann zieht. Das von den Schweizer Architekten Herzog und De Meuron geplante Pekinger Nationalstadion sieht mit seinen verwoben scheinenden Stahlstreben aus wie ein gigantisches Vogelnest, während das neue Olympische Schwimmzentrum wegen seiner an Seifenblasen erinnernden Kugelwände "Wasserwürfel" getauft wurde.


300 Millionen für ein "Vogelnest"
Umgerechnet 300 Millionen Euro hat das 91.000 Menschen Platz bietende "Vogelnest" den chinesischen Staat gekostet, während die 100 Millionen Euro für die - übrigens mit neuartigen Regenwasser-Recyclinganlagen ausgestattete - Schwimmhalle von Auslandschinesen aufgebracht wurden.

Fast schon bescheiden nimmt sich da das 7.000 Tonnen schwere "Entenei" aus, das von französischen Architekten ins Stadtzentrum gelegt wurde. Das Pekinger Nationaltheater hat mit seiner schlichten Form - ein halbes, längs liegendes Ei aus Stahl und Glas - wenig Begeisterung unter den Pekingern hervorgerufen, zumal es auch noch das stolze Preisschild von 300 Millionen Euro trägt.

Bestenfalls ehrfürchtig wird von den Einheimischen auch jenes Gebäude beäugt, das international schon vor seiner Fertigstellung als neuer Meilenstein der modernen Architektur gilt. Die künftige Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens CCTV wird mit 10.000 Arbeitsplätzen nicht nur das zweitgrößte Bürogebäude der Welt nach dem Washingtoner Pentagon sein, mit seiner gebogenen Röhrenform scheint es auch alle Regeln der Schwerkraft außer Kraft zu setzen. Schon die beiden gigantischen L-förmigen Gebäudeteile lehnen so windschief gegeneinander, dass man glaubt, sie würden jederzeit umkippen. Doch die Architekten setzten in über 100 Meter Höhe noch eins drauf - ein elf Stockwerke hohes liegendes L, dessen Enden die beiden Gebäudeteile verbinden und das so aussieht, als würde es im luftleeren Raum schweben.

Permanente Verletzung der Baugesetze
"Die Struktur verletzt jedes einzelne Baugesetz in China", sagte der deutsche Architekt Ole Scheeren der US-Tageszeitung "USA Today". Die besten Statiker des Landes wurden damit beauftragt, den kühnen Plan im Pekinger Geschäftsviertel umzusetzen. 600 Millionen Dollar (381 Mio. Euro) lässt sich die chinesische Regierung das futuristische Projekt kosten, das im Herbst kommenden Jahres - rechtzeitig zum 60. Geburtstag der Volksrepublik China - fertig sein soll.

Natürlich haben die Prestigeprojekte des neuen Peking auch einen nicht in Geld zu beziffernden Preis. Allein für den Bau des neuen Flughafenterminals mussten 10.000 Menschen zwangsumgesiedelt werden. Das Genfer "Center on Housing Rights and Evictions" schätzt, dass 1,5 Millionen Bewohner Pekings für das Städtebauprojekt ihr Dach über dem Kopf verloren haben. Zwar wurden im Rahmen der Verschönerungsaktionen auch die slumartigen "Hutongs" in der Pekinger Innenstadt modernisiert und durch Neubauten ersetzt, doch die Entschädigungen, die die Bürger dafür bekommen haben, sind nach Einschätzung eines Pekinger Menschenrechtlers "elendiglich".




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