16. Juli 2008 11:59

Stabiles Gefühl 

Angst ist überlebenswichtig und schwer verlernbar

Wissenschaftler entdeckten einen "Schalter" im Hirn, der für unsere Angst verantwortlich ist. Sie meinen: Angst ist schwer verlernbar.

Angst ist überlebenswichtig und schwer verlernbar
© sxc

Einmal erlernte Angstreaktionen sind nur noch schwer zu verlernen. Das liegt laut Andreas Lüthi vom Friedrich Miescher Institut in Basel daran, dass Angst im Prinzip ein überlebensnotwendiger Reflex ist. Zwei Gruppen von Nervenzellen in der "Mandelkern"-Gehirnregion (Amygdala) steuern - einem Schalter ähnlich - das Angstverhalten. Das hat Lüthi bei Untersuchungen mit Mäusen entdeckt, wie er am Montag beim Forum der Europäischen Neurowissenschaftlichen Gesellschaften in Genf erklärte.

Angst kommt wieder
Zwar kann eine Verhaltenstherapie die Leiden von Patienten mit Phobien lindern, allerdings ist es keine Seltenheit, dass die Angst wiederkommt, wenn die Patienten nach dem Klinikaufenthalt mit dem Reiz in ihrer alten Umgebung erneut konfrontiert werden. Die meisten Patienten lernen, diese Situation erfolgreich zu meistern, doch etwaige Rückfälle sind für den Schweizer Wissenschafter nicht verwunderlich: "Der Kontext spielt beim Angstlernen und bei der Auslöschung dieser Angst eine wichtige Rolle." Doch während die Forscher inzwischen recht gute Vorstellungen darüber haben, was beim Angstlernen im Dickicht der Neurone abläuft, wissen sie über den entgegengesetzten Prozess vergleichsweise wenig.

Lüthi: "Wenn eine Maus durch Konditionierung gelernt hat, dass ein Tonsignal stets mit einem unangenehmen Reiz verbunden ist, genügt der Ton, um eine Angstreaktion auszulösen. Erst wenn die Maus den Ton viele Male ohne Reiz gehört hat, wird die Furchtreaktion schwächer. Allerdings hat die Maus die Furcht nicht vergessen, denn die Furchtkonditionierung ist überlebenswichtig und daher sehr stabil."

Gelernte Furchtantwort
Deshalb zeigt die Maus auch wieder die Angstreaktion, wenn sie in einer anderen Umgebung mit dem Tonsignal konfrontiert wird. Denn sie hat nur gelernt, dass in der ursprünglichen Umgebung der Schmerzreiz unterblieb. In der neuen Umgebung ist sie vorsichtig. Der Wissenschafter: "Durch einen anderen Kontext kann eine gelernte Furchtantwort also wieder hervorgeholt werden."

Welche Schaltkreise im Gehirn dafür verantwortlich sind, hat Andreas Lüthi mit seinem Team untersucht. Fündig wurden die Wissenschafter in dem Amygdala (Mandelkern) genannten Bereich des limbischen Systems, der beim Angstlernen eine wichtige Rolle spielt. "Unsere Erkenntnis, dass bestimmte Teile der Amygdala auch bei der Auslöschung von Angst beteiligt sind, ist neu", sagte der Experte.

Angstneuronen
Genau genommen sind es zwei Nervenzellpopulationen im unteren Teil der Amygdala, die dabei eine Rolle spielen. Beide Gruppen verarbeiten kontextuelle und sensorische Informationen. Doch die eine Gruppe, die "Angstneuronen", erhält Informationen vom Hippocampus, die andere, die "Extinktionsneuronen", erhält ihren Input vom sogenannten medialen präfrontalen Cortex. Wie die Baseler Forscher zeigen konnten, steuert die Balance der Aktivität dieser beiden Neuronengruppen das Furchtverhalten: Sind die "Angstneurone" aktiv, zeigt das Tier Furcht. Wird auf die "Extinktionsneurone" umgeschaltet, schwindet die Angstreaktion.




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