05. Dezember 2007 13:33

500 Jahre alt 

Erste Karte der Neuzeit gibt Rätsel auf

Die 1507 entstandene Karte zeigt Südamerika überraschend genau. Zudem wird zum ersten Mal der Name "America" verwendet.

Erste Karte der Neuzeit gibt Rätsel auf
© www.wikipedia.de

Sie ist 500 Jahre alt, dafür überraschend aktuell und gibt Wissenschaftlern gerade deshalb Rätsel auf: die Weltkarte von Martin Waldseemüller aus dem Jahr 1507. Vor vier Jahren erstand die Library of Congress in Washington das vermutlich einzig verbliebene Exemplar der Karte aus Deutschland. Kommende Woche nimmt das wertvolle Stück seinen Platz in der Dauerausstellung der Bibliothek ein. Doch das Werk bereitet den Forschern Kopfzerbrechen.

Viele ungelöste Rätsel
Warum benannte der Mönch und Kartograph erstmals ein Gebiet als "America" und änderte in späteren Dokumenten die Namensgebung? Wie konnte er Südamerika derartig akkurat umreißen? Und warum zeichnete er - Jahre, bevor europäische Entdecker auf den Pazifik stießen - einen riesigen Ozean westlich von Amerika? "Das ist das Rätsel, die Frage, die uns hier beschäftigt", sagt John Hebert, Chef der Geografie- und Kartenabteilung der Library of Congress.

Auftragsarbeit
Die Karte war ein ehrgeiziges Projekt des Herzogs von Lothringen. Er betraute zu Beginn des 16. Jahrhunderts - nur wenige Jahre, nachdem Christoph Columbus die westliche Hemisphäre erreicht hatte - den deutschen Kartographen Waldseemüller und weitere Gelehrte mit der Erstellung einer neuen Weltkarte. In einem französischen Kloster entstand das Dokument, seine Zeichner bedienten der Überlieferung zufolge aus den 1300 Jahre alten Werken des griechischen Geografen Claudius Ptolemäus und den Briefen des des florentinischen Seefahrers Amerigo Vespucci. Doch diese Quellen reichten nicht aus für ein derart akkurates Dokument, sagt Hebert. "Da muss es noch einen kartographischen Einfluss gegeben haben."

Erstmals "America" verwendet
Tatsache ist, dass Waldseemüller erstmals den Namen "America" verwendete, angelehnt an den Vornahmen Vespuccis. In späteren Dokumenten bezeichnete der Kartograph das Gebiet jedoch als "Terra Inkognita" - unbekanntes Land. "Amerika ist aus seinem Wortschatz gestrichen", sagt Hebert. Auch die 1507 akkurat gezeichneten Umrisse des Kontinents sind in späteren Aufzeichnungen nur noch teilweise vorhanden, Waldseemüller zeichnete dann zudem eine Verbindung des Nordens mit Asien.

Südamerika sehr genau gezeichnet
Die Wissenschaft rätselt auch darüber, wie Waldseemüller Südamerika auf der Karte von 1507 derart genau aufzeichnen konnte. "Die Breite von Südamerika ist an bestimmten wichtigen Markierungen auf bis zu 100 Kilometer korrekt", sagt Hebert. Auch die Westküste Südamerikas ist verhältnismäßig akkurat getroffen. Soweit bekannt ist, hätten die Europäer zur damaligen Zeit diese Informationen noch nicht haben können, sagt der Wissenschaftler. Dem Stand der heutigen Geschichtswissenschaft zufolge erreichte der spanische Entdecker Vasco Nunez de Balboa den Pazifik über Land erst 1513. Der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan umrundete die Südspitze weitere sieben Jahre später.

1901 entdeckt
Die aus zwölf Teilen bestehende Karte wurde erst 1901 in den Archiven des Adelsgeschlechts Waldburg-Wolfegg in Süddeutschland entdeckt. Mehr als 100 Jahre später verkaufte Fürst Johannes Waldburg-Wolfegg das Dokument für zehn Millionen Dollar an die Library of Congress. Mittlerweile ist die Karte ein Anwärter für das Unesco-Programm "Memory of the World", ein Weltregister ausgewählter herausragender Dokumente.

Erste Karte der Neuzeit
Die US-Wissenschaftler hoffen, dass die Ausstellung der bisher selten gezeigten Karte Experten aus aller Welt zu weiteren Nachforschungen über ihre Entstehung animieren wird. Doch selbst wenn nicht alle Rätsel gelöst werden, ist sich Hebert ihrer Bedeutung für die Menschheit sicher: "Sie ist im Grunde der Beginn oder die erste Karte der Neuzeit - alles was danach kommt, basiert auf ihr."




Posten Sie Ihre Meinung Neu anmelden Login |