06. April 2008 14:37

Aufsehenerregend 

"Flashmobs" als neue politische Protestform

Hunderte verabreden sich per SMS ohne sich zu kennen. Die Rede ist von "Flashmobs", die immer mehr zu einer politischen Protestform werden.

"Flashmobs" als neue politische Protestform
© Reuters

Dem Mitarbeiter des Sportartikelgeschäfts entfährt ein "Hey, Alter, was ist denn hier los?". Irritiert lässt der schlaksige Mann mit der Baseballmütze den Blick durch den Laden schweifen. Vor ihm liegt eine junge Frau auf dem Betonboden, sie schläft. Daneben lehnt ein bärtiger Mann an einem Kleiderständer mit Sportjacken. Er ist augenscheinlich im Stehen eingenickt. An einem Regal hat sich ein Mädchen zusammengerollt, das seinen Kopf auf einen Stapel T-Shirts gelegt hat. 20 Menschen liegen in dem Sportgeschäft in der Berliner Innenstadt.

Per Handy verabredet
Müde waren sie alle nicht - im Gegenteil. Sie wollen Menschen aufrütteln. Mit ihrer "Flashmob"-Aktion wollen die Schlafenden kurz vor den Olympischen Spielen in Peking auf die Arbeitsbedingungen in großen Sportkonzernen aufmerksam machen. Bei "Flashmobs" verabreden sich viele Menschen, in der Regel per Handy oder im Internet, zu scheinbar spontanen Aktionen an einem bestimmten Ort. Meist dauert das Ganze nur ein paar Minuten. Dann wird beispielsweise gleichzeitig applaudiert, telefoniert - oder eben geschlafen. Eine Trillerpfeife weckt nach zwei Minuten die Schlafenden. Sie stehen auf und halten sich wortlos Flugblätter über den Kopf. "Play Fair" steht darauf geschrieben. Dann verlassen sie das Sportgeschäft.

Erstmals 2003 in den USA
"Flashmobs" gab es erstmals im Jahr 2003 in den USA. In der Lobby eines New Yorker Hotels klatschten 150 Leute zur Verblüffung der Gäste urplötzlich 15 Sekunden lang grundlos Beifall. Dann verschwanden sie so schnell, wie sie gekommen waren. In Berlin bestellten mehrere hundert Menschen kürzlich gleichzeitig mehr als 10.300 Burger in einem Fast-Food-Restaurant. In London trafen sich im Jahr 2003 in einem Möbelgeschäft etwa 2.000 "Flashmobber" und sagten gleichzeitig "Oh, was für ein Sofa". "Solche Aktionen haben keinerlei Sinn, außer die Passanten zu irritieren, die meist nur verwirrt oder fassungslos dastehen und sich das Geschehen überhaupt nicht erklären können", schreiben Anhänger der Aktionskunst auf der Internetseite http://www.online-flashmobs.de .

Politisches Mittel
Immer häufiger werden "Flashmob"-Aktionen aber politisch genutzt. Im September vergangenen Jahres haben Demonstranten am Berliner Hauptbahnhof auf Trommeln und Topfdeckel geschlagen und zerrissen Schilder mit der Aufschrift "183=13". Mit der eigentümlichen Zahlengleichung wollten sie darauf aufmerksam machen, dass die Bundesregierung die Deutsche Bahn unter Wert privatisieren wolle.

Gewaltige soziale Macht
Eine Sonderform sind "Smart Mobber", die mit ihren Aktionen die Öffentlichkeit auf Missstände aufmerksam machen wollen. Der Begriff geht auf das Buch "Smart Mobs: The Next Social Revolution" des US-Medienexperten Howard Rheingold zurück. Der Sozialforscher schreibt den Mobbern, die sich dank SMS und Internet schnell und spontan zusammenfinden können, eine gewaltige soziale Macht zu - nützlich und zerstörerisch zugleich. Denn mobilisierte Massen könnten seiner Ansicht nach alles und jeden "smartmobben", sprich Präsidenten stürzen, aber auch Spenden für Tsunami-Opfer sammeln.

Aufmerksamkeit erregen
Auch die Berliner Demonstranten wollen "Flashmobs" mit Nachricht. "Es ist doch spannend, Flashmobs mit politischen Inhalten zu besetzen", sagt die 27-jährige Demonstrantin Magdalena. "Einen Dialog" erhofft sich Berndt Hinzmann von der Aktion in dem Berliner Sportgeschäft. Er gehört zum Verein Inkota, einem ökumenischen Netzwerk, das die Aktion organisierte. "Flashmobs erregen einfach Aufmerksamkeit."

In dem Berliner Sportartikelladen hat das Phänomen noch nicht ganz die von dem US-Experten Rheingold befürchteten Ausmaße angenommen. Aber politisch war es, und sogar Spaß hat es gemacht, finden die Demonstranten. "Ist doch besser, als mit einem Pappschild durch die Stadt zu laufen und finster angeschaut zu werden", sagt Hinzmann.




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