18. Februar 2008 16:51

Steueraffäre 

Geld macht nicht unglücklich

Forscher sehen Rivalität als Motor der Habgier - Studie zur Frage "Warum zahlen wir überhaupt Steuern?"

Geld macht nicht unglücklich

Wenn in diesen Tagen Steuerfahnder mit Durchsuchungsbefehlen bei wohlhabenden und bisher als wohlanständig geltenden Bürgern läuten, ist schnell von den "habgierigen Reichen" die Rede, die trotz ohnehin hoher Einkünfte nicht genug bekommen könnten. Manche halten die Kontrollen für zu schwach, andere sehen einen Verfall der Moral. Für die Münchner Informatikprofessorin Ulrike Lechner liegt die Ursache für die Steuerflucht in der Natur des Menschen - und in der Natur des Geldes.

Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt die Nerven
In Abwandlung dieses Sprichworts sagt die Wissenschaftlerin unter Berufung auf entsprechende Untersuchungen: "Glück und Einkommen haben nicht viel miteinander zu tun, aber Geld macht nicht unglücklich." Im Zweifel wollten die meisten Menschen lieber mehr Geld haben als die anderen. Vor die Wahl gestellt, ob sie lieber in einer Welt leben würden, in der sie selbst 100.000 Euro und alle anderen 50.000 Euro besäßen, oder in einer Welt in der sie selbst mit 200.000 Euro doppelt soviel Geld hätten, aber alle anderen 300.000 Euro, entschieden sich die meisten für die erste Variante. Sie bevorzugten also die relativ und nicht die absolut höhere Zahl, wie Lechner erläutert.

Rivalität
Die Frage der Rangfolge ist demnach letztlich die entscheidende: "Es ist die Rivalität ums Geld", erklärt die Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Münchner Bundeswehruniversität. Bei anderen Themen ist dies nach ihren Untersuchungen durchaus anders: Bei der Frage nach den Urlaubstagen entschieden sich die meisten Versuchspersonen für die tatsächlich höhere und nicht für die relativ höhere Zahl.

Zahlungsbereitschaft
In weiteren Experimenten untersuchten die Münchner Wissenschaftler die Bereitschaft von Menschen, gemeinnützig zu handeln. Je nachdem wie gut oder wertvoll diejenigen angesehen wurden, denen etwas gegeben werden sollte, desto bereitwilliger wurde ihnen demnach auch gegeben. Die Bereitschaft, Steuern zu zahlen, könnte demnach nach den Erkenntnissen von Lechner in dem Maß steigen, wie der Betrag und die Gemeinschaft als gerecht empfunden werde.

Warum zahlt man überhaupt Steuern?
Wenn sich bestätigen sollte, dass mehrere hundert reiche Deutsche zum Teil über Jahrzehnte Steuern hinterzogen haben, dürfte das eine andere Münchner Forschergruppe kaum überraschen. Professor Andreas Haufler und Christian Traxler arbeiten gerade an einer Untersuchung zu der Frage, warum die Deutschen überhaupt Steuern zahlen. Schließlich gebe es hinreichend Möglichkeiten für Privatpersonen und erst recht international agierende Unternehmen, ihre Erträge in Niedrigsteuerländer zu verschieben. Erstaunlicherweise handelten die Mehrheit der Privatpersonen und sogar ein großer Teil der Firmen aber anders. "Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, warum Individuen und Firmen Steuern hinterziehen, sondern warum es ein relativ hohes Maß an Steuerehrlichkeit gibt", erklärt Haufler in einer Veröffentlichung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

Bewegliches Kapital
Hintergrund der Fragestelle sei die verbreitete Auffassung, dass der "homo oeconomicus" rational handle und die persönliche Gewinnmaximierung und damit unter Umständen auch die Steuerhinterziehung die dominante Strategie jedes Individuums sei. Klassisch würden dagegen ein hohes Strafmaß und strenge Kontrollen empfohlen. Beides wirke sich auf das Verhalten der Steuerzahler jedoch kaum aus, denn das Gros ihres zu versteuernden Kapitals sei beweglich. Trotzdem zahlten die meisten ihre Steuern. Möglicherweise seien dafür kulturelle und soziale Normen, geltende Moralvorstellungen, ein Gefühl von Bürgerpflicht oder die Angst vor öffentlicher Schande verantwortlich.

Fairness-Gedanke
In Laborversuchen zum Effekt fiskalpolitischer Maßnahmen wie erhöhten Steuersätzen und einer intensiveren Steuerfahndung zeigte sich, dass Steuerzahler sich nur bedingt kooperativ verhielten. Ihre Steuermoral hing demnach ganz wesentlich vom Verhalten der anderen ab. Ausschlaggebend scheine der Fairness-Gedanke zu sein. So werde Steuerhinterziehung auf Kosten der Allgemeinheit als unfair empfunden. Andererseits müssten auch die Steuern selbst als fair wahrgenommen werden. Wenn jemand die Steuern für sich selbst für unfair halte und einen Teil seiner Steuerbasis ins Ausland verlagere, obwohl die Steuersätze mehrheitlich als fair empfunden würden, verstoße er allerdings gegen soziale Normen und erhöhe so seine "moralischen Kosten".

Selbstverständlich verstößt er auch gegen das geltende Recht. Sofern er erwischt wird, drohen bis zu fünf Jahre Haft, in schweren Fällen sogar bis zu zehn Jahre.




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