07. November 2007 09:52

Neue Studie 

Gletschersterben - 80% des Eises verschwindet

Die österreichischen Gletscher dürften bis Mitte des Jahrhunderts 80 Prozent ihrer Oberfläche verlieren. Dies ergab eine Studie des ZAMG.

Gletschersterben - 80% des Eises verschwindet
© GEPA pictures/ Andreas Pranter

Den österreichischen Alpengletschern geht es an die Substanz: Mitte dieses Jahrhunderts dürften 80 Prozent der Gletscherfläche verschwunden sein, im Jahr 2100 sollen gar nur mehr sieben Prozent der bestehenden Eisfläche existieren. Die Pasterze oder das Sulzbachkees werden die nächste Jahrhundertwende zwar noch überstehen, aber in völlig verkleinerter Form, wie Berechnungen von Mitarbeitern der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) im kürzlich erschienenen Buch "Gletscher im Klimawandel" ergaben.

Goldbergkees bis 2100 verschwunden
Das Goldbergkees am Sonnblick in den Hohen Tauern etwa, das in der letzten Eiszeit (vor ca. 20.000 bis 25.000 Jahren) noch das Gebiet der Stadt Salzburg unter einem 600 Meter dicken Eispanzer verschwinden ließ, dürfte bis 2050 auf eine Fläche von unter 0,4 Quadratkilometer geschrumpft und um 2100 längst verschwunden sein. 2003 hatte dieser Gletscher noch eine Fläche von 1,5 Quadratkolimeter.

Österreich stärker betroffen
Neben der momentanen Erderwärmung, die seit den 1980er Jahren auch durch die vom Menschen verursachten Treibhausgase beschleunigt wird, ist in den Ostalpen vor allem die relativ geringe Gipfelhöhe für das "Gletschersterben" verantwortlich, das "ewige Eis" in der Schweiz oder in Frankreich dürfte weniger stark betroffen sein.

Bildung von neuem Eis beeinträchtigt
Denn der Lebensnerv eines Gletschers ist das Nährgebiet, also jener hoch gelegene Bereich, wo sich durch Schneefall und niedrige Temperaturen neues Eis bilden kann, welches das unten abfließende ersetzt. Beim derzeit wahrscheinlichsten Modell der Klimaberechnung, das im Alpenraum bis 2100 einen Temperaturanstieg von drei Grad voraussagt, würden dabei diese sogenannten Akkumulationsflächen der Pasterze am Großglockner um drei Viertel verschwinden. Das Nährgebiet dürfte sich auf über 3.200 Meter Seehöhe zurückziehen.

Kein ungewöhnliches Ereignis?
Selbst in der jüngsten Geschichte der Alpen ist aber das derzeitige "Gletschersterben" kein ungewöhnliches Ereignis: Etwa die halbe Zeit der letzten 10.000 Jahre war die Fläche der Alpengletscher kleiner als derzeit, erst in den letzten 3.000 bis 4.000 Jahren waren sie größer. So sind in jüngster Zeit aus der Pasterze am Großglockner tausende Jahre alte Baumreste ausgeapert. Die Zunge des größten Gletschers Österreichs war also vor etwa 9.000 Jahren nicht "ewiges Eis", sondern Wald. Völlig eisfrei dürften die österreichischen Alpen seit der letzten Eiszeit aber nicht mehr gewesen sein, weil es dazu im Schnitt um sechs Grad wärmer hätte sein müssen als derzeit, so die Meteorologen.

Modell ergibt: Energiebedarf steigt stetig
Erstellt wurden die Prognosen mit einer Reihe von Modellen, die unterschiedliche Entwicklungen der Weltwirtschaft, -politik und -bevölkerung berücksichtigen. Als wahrscheinlichstes Szenario gilt das Modell A1B: In diesem Szenario wächst die Erdbevölkerung bis 2050 auf etwa neun Milliarden, dann fällt sie bis 2100 auf sieben Milliarden ab. Die Weltwirtschaft wird zunehmend globaler, die Entwicklungsländer holen bei den Einkommen, den Sozialsystemen und in der technologischen Entwicklung zu den Industriestaaten auf. Maschinen, Geräte und die Energieerzeugung werden deutlich effizienter. Der Gesamtenergiebedarf der Welt steigt jedoch stark an, er wird aber bis 2100 zu großen Teilen durch nicht-fossile Energiequellen gedeckt.

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Die Umwandlung von Schnee zu Gletschereis ist ein langsamer Prozess, der von Temperatur und Druck abhängt. Frisch gefallener Neuschnee bildet eine Schicht aus lockeren Schneekristallen und mit Luft gefüllten Hohlräumen. Fällt erneut Schnee, so legt er sich über diese bereits vorhandene Schicht und drückt die Hohlräume zusammen, so dass sie kleiner werden. Häufiges Schmelzen und Gefrieren unterstützen diesen Vorgang.

Aus Schnee wird Firneis
Durch die allmähliche Verdichtung wird der Luftanteil immer geringer. So wiegt ein Kubikmeter Neuschnee meist 100 bis 200 Kilogramm, ein Kubikmeter Gletschereis hingegen rund 900 Kilo. Im Laufe eines Jahres entsteht so aus dem Schnee Firneis. Durch weitere Verdichtung wird es schließlich zu Gletschereis.

Nährgebiet ausschlaggebend
Jener Teil des Gletschers, in dem neues Eis entsteht, wird Nährgebiet genannt. Verliert er dieses (etwa durch den Temperaturanstieg), dauert es aber noch Jahre bis Jahrzehnte, bis das verbleibende Toteis zur Gänze abgeschmolzen ist.

Temperatur und Oberflächenbeschaffenheit
Neben der Temperatur hat für das Abschmelzen eines Gletschers aber auch die Beschaffenheit der Oberfläche großen Einfluss, denn Eis und Schnee können die einfallende Strahlung sehr unterschiedlich stark reflektieren, und zwar zwischen zehn und 90 Prozent. Eine dünne Auflage - etwa durch Staub (oft aus der Sahara) oder kleine Steine - führt dazu, dass mehr Energie aufgenommen wird und das Eis stärker schmilzt. Wird die Auflage aber dicker - etwa durch größere Steine - gelangt die Energie gar nicht erst zum Eis und es entsteht die gegenteilige Wirkung.

Ausschlaggebend für Ausbreitung oder Rückzug eines Gletschers in den Alpen sind fast ausschließlich die Sommer. Der Zuwachs der Masse im Winter ist kaum von Bedeutung, vor allem die Abschmelzung im Sommer ist entscheidend.

Gespeicherte Wassermenge stark überschätzt
Überschätzt wird die in den Gletschern Österreichs gespeicherte Wassermenge (rund 20 Kubikkilometer). Würden alle Gletscher des Landes auf einmal abschmelzen, ergäbe dies auf die gesamte Landesfläche verteilt eine Wasserhöhe von rund 200 Millimeter, was nicht einmal einem Fünftel der jährlichen Niederschläge entspricht. Derzeit entspricht die jährliche Gletscherspende Niederschlägen von fünf bis zehn Millimetern. Selbst im Rekordsommer betrug das abgeflossene Wasser aller österreichischen Gletscher nur drei Prozent der Gesamtniederschläge.




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