17. November 2008 14:04

Pharma-Praktiken 

Korrupte Medizin - neues Buch als Aufreger

Ein "Aufreger" in Sachen Ärzte und Pharma ist das neue Buch von Hans Weiss. Die Ärztekammer warnt vor einer Pauschalverurteilung.

Korrupte Medizin - neues Buch als Aufreger

"Korrupte Medizin - Ärzte als Komplizen der Konzerne" deckt auf: Ärzte arbeiten mit Guerilla-Methoden oder lassen sich kaufen.

Geldrabatte sind erlaubt
Wie der ehemalige "Bittere Pillen"-Co-Autor auf die Idee zu dem Buch kam? Eine Novartis-Managerin habe ihn vor drei Jahren mit Informationen über das Naturalrabatt-System der rund 1.000 ärztlichen Hausapotheken informiert. Diese hätten Arzneimittel für 110 Mio. Euro von den Unternehmen bekommen. Weiss: "Ein Geschenk von 110.000 Euro pro Arzt zusätzlich zu dem, was sie verdienen. Die Naturalrabatte wurden abgeschafft. Geldrabatte sind erlaubt. De facto heißt dass, dass sich gar nichts geändert hat. Mich hat das geärgert." Hinter der damaligen Affäre könnten - so hört man - Marktkämpfe zwischen zwei Generika-Herstellern gestanden sein.

Geschäftserfolg steht im Pharma-Bizz an erster Stelle
Nach abgelegter Pharmareferentenprüfung nahm Weiss an einem Pharma-Marketingkongress teil. Dort sei faktisch erklärt worden: "An erster Stelle steht der Geschäftserfolg." Insgesamt hätte es von Seiten der Arzneimittelindustrie geheißen: "Wir sind keine forschungsgetriebene Branche, wir sind eine marketinggetriebene Industrie." Es gehe vor allem um "Me Too"-Präparate und keine echten Neuerungen. Hier ließe sich allerdings einwenden, dass gerade in den vergangenen Jahren solche Zweit- und Drittpräparate in neuen Wirkstoffklassen oft zu deutlichen Verbesserungen im Vergleich zu der frühesten am Markt befindlichen Substanz brachten.

Hohe Beraterhonorare für Ärzte
Mittlerweile könnten Ärzte, die als medizinische Meinungsbildner fungieren, 250.000 Euro für Beraterverträge im Jahr lukrieren. Neun Klinik- bzw. Abteilungschefs hätte er, Weiss, zu positiven Antworten auf ein Studienangebot mit - seiner Meinung nach - ethisch nicht gerechtfertigtem Design bewegen können.

Herstellung viel billiger als Produktpreis
Der Autor vergleicht in seinem Buch die reinen Wirkstoffpreise mit den Preisen für die Arzneimittel: "Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die Kosten der Wirkstoffe nur ein bis zwei Prozent der Kosten für eine Schachtel der Präparate beträgt." In der modernen Industrie fast aller High-Tech-Branchen haben sich die Produktpreise freilich längst von den Preisen für das Ausgangsmaterial abgekoppelt.

Vorwürfe gegen Spitzenmediziner
In dem Buch sind auch mehrfach Vorwürfe gegen österreichische Spitzenmediziner enthalten. Hier geht es um die klinische Forschung, die zum überwiegenden Teil von der Industrie finanziert wird. Öffentliche Gelder für klinische Forschung gibt es in Österreich und Europa fast nicht, in den USA zu einem geringen Anteil. Hier haben Kliniker bereits im Vorfeld der Veröffentlichung des Buches die Vorwürfe als unhaltbar bezeichnet.

Hans Weiss - "Korrupte Medizin. Ärzte als Komplizen der Konzerne". Kiepenheuer & Witsch. 272 Seiten, 19,50 Euro. ISBN 978-3-462-04037. Seit Montag im Handel erhältlich.

AKH-Chef: "Wichtiges Thema, aber..."
Der Chef des Wiener AKH, Reinhard Krepler: "Ich bin an sich sehr froh, dass dieses wichtige Thema behandelt wird. Ich sehe es positiv, das die Kenntnis über mögliche Korruptionsbereiche weiter Verbreitung findet. Die Stadt Wien hat aber sehr strikte Antikorruptionsvorschriften, die auch im Wiener Krankenanstaltenverbund umgesetzt werden."

Dorner warnt vor Pauschalverurteilung
Vor einer ungerechten Pauschalverurteilung der Ärztinnen und Ärzte warnte Montag der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Walter Dorner, in einer ersten Stellungnahme zu den Korruptionsvorwürfen. "Eigentlich hätte ich mir erwartet, dass Weiss, der seit Jahren auf diesem Gebiet recherchiert, die Vorwürfe an den ärztlichen Ehrenrat heranträgt, der eigens dafür eingerichtet und unabhängig besetzt ist", erklärte der Standesvertreter.

Strenger Verhaltenskodex
Die ÖÄK habe einen strengen Verhaltenskodex über den Umgang der Ärzteschaft mit der Pharmawirtschaft sowie einen Ehrenrat, der unter der Leitung pensionierter Höchstrichter Verdachtsmomenten nachgehe. Für schwarze Schafe gebe es "null Toleranz", sagte Dorner. Einmal mehr werde auch anhand des neuen Buches von Weiss klar, dass immer mehr Experten mit dem Thema Korruption Imagepflege als "Aufdecker und Enthüller" betreiben.

Pharma-Verband: "Zu pauschal und oberflächlich"
"Herr Weiss ist ein altbekannter Pharma- und Ärztekritiker. Man muss aber sagen, er verdient auch Geld am Gesundheitswesen. Seine Behauptungen sind sehr pauschal und sehr oberflächlich", erklärte der Generalsekretär des Verbandes der pharmazeutischen Industrie (Pharmig), Jan Oliver Huber, zu dem neuen Buch von Hans Weiss am Montag.

Nur einen Tag als Pharmareferent mit einem anderen bei der Recherche mitgegangen zu sein, könne kein profundes Wissen vermitteln. Huber: "Von Intransparenz und Korruption zu reden, selbst aber mafiöse Methoden anzuwenden, ist nicht angepasst." Weiss sei einmal als Pharmareferent, dann als Pharma-Consultant und schließlich als Export-Import-Kaufmann aufgetreten und habe sich als "agent provocateur" (Huber) betätigt.




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