31. August 2007 08:56

Nur ein Wärter 

Norwegisches Gefängnis ohne Schloss und Riegel

Auf der Insel Bastoey, im Süden von Norwegen, leben Vergewaltiger, Mörder und Drogendealer in ganz normalen, idyllischen Häusern.

Norwegisches Gefängnis ohne Schloss und Riegel
© AFP

Die Häftlinge sind Mörder, Vergewaltiger und Drogendealer - insofern ist Bastoey ein ganz normales Gefängnis. Aber es gibt weder Zellen noch Gitter, nicht einmal Schlösser. Vielmehr wohnen die Gefangenen auf der Insel im Süden Norwegens in normalen, idyllisch gelegenen Häusern, gehen einer ganz normalen Arbeit nach und Abends entspannen sie sich am Strand oder spielen Fußball.

Nur ein unbewaffneter Wärter
Insgesamt 115 Kriminelle leben auf Bastoey. Von 8.00 bis 15.00 Uhr nachmittags bauen sie Bio-Erdbeeren an, züchten Vieh, fischen mit dem Gefängnisboot Hummer oder machen eine Lehre als Zimmermann. Die Gefangenen und der unbewaffnete Wärter, der sie beaufsichtigt, nennen sich beim Vornamen. "Fremde können nicht verstehen, wie wir hier Mörder, Vergewaltiger oder Kinderschänder ohne Mauern und Stacheldraht haben können", sagt der Gefängnisdirektor Oeyvind Alnaes. "Auch wenn diese Leute schreckliche Verbrechen begangen haben, sind sie deswegen noch lange keine schrecklichen Leute."

Sollen neues Selbstvertrauen bekommen
Auf Bastoey sollen die Täter wieder Selbstvertrauen bekommen und erleben, dass auch andere ihnen vertrauen. Das Ziel von Gefängnisdirektor Alnaes ist es, den Häftlingen den Weg zurück in ein Leben ohne Gewalt zu weisen. Bastoey ist das einzige Gefängnis dieser Art in Norwegen - einem Land mit sehr niedriger Kriminalitätsrate. Von den 4,6 Millionen Norwegern sitzen nur 3.170 im Gefängnis. Für die Allgemeinheit ist Bastoey billiger als ein herkömmliches Gefängnis, da viel weniger Wachpersonal beschäftigt ist.

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Es sei ein Aha-Erlebnis für ihn gewesen, zu sehen, wie ein ehemals gewalttätiger mit Muskeln bepackter Typ tief bewegt war, als er die schwierige Geburt eines Lammes erlebte, erzählt der Gefängnisdirektor. Schließlich habe der Häftling das frisch geborene Tier sogar von Mund zu Mund beatmet, damit es nicht stirbt.

Funktioniert nur mit Respekt
Kurt und zwei andere Gefangene säubern gerade den Strand - den einzigen Teil der Insel, der für alle zugänglich ist. Hier liegen an manchen Tagen unbescholtene Bürger neben Schwerstverbrechern in der Sonne. "Du kapierst sehr schnell, dass du alle respektieren musst, dass es nur funktioniert, wenn du mit den anderen zusammenarbeitest", sagt Kurt. Er verbüßt eine langjährige Haftstrafe, eine Prügelei hatte schlimm geendet.

"Wenn man schon ins Gefängnis muss, dann ist Bastoey der beste Ort der Welt", sagt Bjoern, der wegen Finanzbetrugs verurteilt ist. "Hier kannst du was aus dir machen. Du lernst, allein zurecht zu kommen, zu waschen, selbst zu kochen, ein Haus in Ordnung zu halten."

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Für die meisten Insassen ist Bastoey nicht die erste Station nach dem Urteil. Sie wissen, wie sich ein Leben hinter Schloss und Riegel anfühlt. Gefangene müssen sich für Bastoey bewerben, die Gefängnisleitung wählt die Glücklichen aus. "Bastoey - ein Ort für Sie?" heißt es auf der Website des Gefängnisses.

Fußballspiele gegen umliegende Dörfer
Nach der Arbeit können die Gefangenen tun, was sie wollen: Musik spielen, Spazierengehen oder Sport treiben. Die Fußballmannschaft des Gefängnisses tritt gegen die Teams aus der Umgebung an. Mit einer Besonderheit. "Alle unsere Spiele sind Heimspiele", sagt der Gefängnisdirektor und lächelt.

Nur ein Fluchtversuch
Einige der Insassen arbeiten auch auf der Fähre, die die Insel mit dem Festland verbindet. Trotzdem habe in den vergangenen sechs Jahren nur ein einziger zu fliehen versucht, betont Alnaes. Wer das Vertrauen auf Bastoey missbraucht, für den gibt es kein Pardon, der muss zurück in eine gewöhnliche Gefängniszelle. Das scheint Abschreckung genug für alle, die die relative Freiheit auf der Gefängnisinsel erleben durften.

Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele der ehemaligen Gefangenen von Bastoey nach ihrer Entlassung wieder kriminell wurden. "Aber man sieht einfach, dass es funktioniert", sagt Alnaes. "Wenn die Gefangenen ankommen, benehmen sie sich wie harte Jungs. Nach zwei Monaten strahlen sie über das ganze Gesicht."




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