15. September 2008 11:38

Brasilien 

Räuberische Ameisenart im Regenwald entdeckt

Drei Millimeter lang ist die neue, räuberische Ameisenart in Brasilien. Sie ist besonders schwer zu entdecken.

Räuberische Ameisenart im Regenwald entdeckt
© Wikipedia

Das fahle Insekt mit langen Greifzangen vom Laubboden des brasilianischen Regenwaldes erschien seinen deutschen Entdeckern so fremd, als stamme es von einem anderen Planeten.

Primitivste lebende Ameisenart
Christian Rabeling vom Naturkundemuseum Karlsruhe und nun an der Universität Texas, entdeckte das bisher einzige, nur drei Millimeter lange Exemplar einer neuen, räuberischen Ameisenart - in der Abenddämmerung bei Kilometer 28 neben dem Highway AM010 im Bundesstaat Amazonas. Er hatte die primitivste lebende Ameise in seinen Händen.

Schon vor fünf Jahren entdeckt
Fünf Jahre zuvor hatte sein Kollege Manfred Verhaagh, gleichfalls Insektenkundler in Karlsruhe, schon einmal zwei Exemplare in einer Bodenprobe gefunden. Aber, kaum fassbares Riesenpech: Diese wurden zerstört. Nun, zum glücklichen Ende der doppelten Entdeckungsgeschichte, beschreiben beide die neue Art Martialis heureka in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften ("PNAS", online vorab veröffentlicht).

"Vom Mars kommend"
Der aus dem griechischen entlehnte Artname illustriert die Fremdartigkeit - martialis heißt etwa "vom Mars kommend" oder "zum Mars gehörend". Heureka steht für "Ich hab's gefunden!", und das gilt im doppelten Wortsinn: Verhaagh hatte vor seinem Kollegen zwei Exemplare der Tiere im Amazonas-Tiefland entdeckt. Sie trockneten allerdings aus und klebten in ihrem Glasröhrchen fest.

"Wie ein Lotto-Treffer"
Beim Rettungsversuch im Labor eines Kollegen sollten die Tiere durch ein Ultraschallbad wieder freikommen. Leider zerlegten sie sich dabei in feine Ameisenbrösel. "Dass überhaupt ein weiteres Exemplar gefunden wurde, war wie ein Lotto-Treffer", sagt Verhaagh. Die drei Millimeter kleinen Insekten sind im Erdboden kaum zu finden.

Tier kommt ins Museum
Das Tier, der sogenannte Holotyp, wird heute im Museum für Zoologie der Universität Sao Paulo verwahrt. Die genetische Analyse des augenlosen Weibchens - es gehört zur Kaste der sterilen Arbeiterinnen - erforderte Feingefühl: Das rechte Vorderbein wurde entfernt, um die DNA daraus zu extrahieren. Die daran befindlichen Muskel"massen" versprachen noch am ehesten Erfolg, berichtet Verhaagh. Er ist im Museum Abteilungsleiter und Kurator für die Hautflügler, zu denen auch die Ameisen zählen.

Drei Genabschnitte
Aus der DNA ließ sich die Abfolge von drei Genabschnitten lesen, um sie mit jenen von anderen Ameisen zu vergleichen. Zusammen mit dem Körperbau ergaben sich daraus so viele Unterschiede, dass das neue Insekt nun - alleine - in die neue, 21. Unterfamilie der Ameisen einsortiert wurde. Ihr Name: Martialinae, "die vom Mars kommen". Es ist seit 85 Jahren die erste neue Unterfamilie, die für lebende Ameisen geschaffen werden musste. Zwei weitere Beine ruhen bei Verhaaghs ehemaligem Diplomanden Rabeling, in Alkohol gelegt, im Kühlschrank. Diese Reserve steht für weitere Analysen bereit.

Übers Verhalten wenig bekannt
Über Lebensweise und Verhalten der blinden Ameisen im lehmigen Untergrund ist wenig bekannt, aber sie krabbeln vermutlich unter dem Laub und in verrottendem Holz, etwa hohlen Wurzeln. Vielleicht kommen sie im Schutz der Dunkelheit auch zum Fressen ins Freie. Die langen, filigranen und pinzettenartigen Mundwerkzeuge - sie sind im Reich der Ameisen ebenfalls ohne Beispiel - könnten zum Herausziehen weicher Beute-Organismen wie Insektenlarven oder Würmern aus deren Behausungen dienen, spekulieren die Forscher.




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