05. März 2008 10:48

Neue Technologie 

Venenblut als Quelle pluripotenter Zellen

Deutschen Forschern gelang es, als Alternative zur Stammzelltherapie, weiße Blutkörperchen in "programmierbare" Zellen umzuwandeln.

Venenblut als Quelle pluripotenter Zellen
© APA

Einem Kieler Biotechnologieunternehmen ist es nach eigenen Angaben gelungen, aus weißen Blutkörperchen (Monozyten) aus entnommenem Venenblut pluripotente, also zu vielen Zelltypen ausdifferenzierbare "stammzellartige Zellen" zu gewinnen und damit eine "wegweisende Alternative zur Stammzelltherapie" zu entwickeln. Die "programmierbaren" Zellen könnten etwa bei Transplantationen zum Einsatz kommen. Als einen für die Forschung "ersten und wichtigen Schritt" beurteilte der Wiener Transplantations-Immunologe Thomas Wekerle die Technologie, die heute, Mittwoch, bei einer Veranstaltung von der Firma "Blasticon" in Frankfurt am Main präsentiert wurde.

Mit Stammzellen vergleichbar
"Wir arbeiten mit mononukleären Zellen, die einfach aus dem Blut gewonnen werden können", so Blasticon-Gründer Fred Fändrich, Direktor der Klinik für Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel in einer Mitteilung. Die von "Blasticon" entwickelte Technologie erlaubt es, diese in Zellen mit programmierbaren Eigenschaften, vergleichbar denen von Stammzellen, zurückzuführen.

Die umprogrammierten Zellen lassen sich laut dem Unternehmen sowohl zur Diagnose oder für therapeutische Zwecke wie etwa bei entzündlichen Darmerkrankungen, Diabetes, Rheuma, Herzinfarkt, Lebererkrankungen sowie bei Nieren- und Lebertransplantationen einsetzen. Die therapeutischen Möglichkeiten lägen darin, fehlerhafte oder fehlende Zellen zu ersetzen (regenerative Medizin) oder Zellen zu produzieren, die das Immunsystem regulieren (regulatorische Zellen).

Hilfreich bei Transplantationen
Bei Transplantationen erhoffen sich die Mediziner Nutzen von regulatorische Zellen, um zu verhindern, dass die körpereigenen Immunzellen des Patienten das Spenderorgan angreifen. "'Blasticon' hat eine Subform der regulatorischen Zellen entwickelt", so Wekerle von der Universitätsklinik für Chirurgie des AKH Wien. Laut dem Transplantationsspezialist, der am Mittwoch als Experte einen Vortrag hielt, gibt es in diesem Bereich international viel Forschung. Es sei ihm aber bisher keine veröffentlichte Studie zum therapeutischen Einsatz von regulatorischen Zellen in Transplantationen bekannt. So gesehen habe hier das Kieler Unternehmen eine Vorreiterrolle.

Transplantationspatienten müssen in der Regel lebenslang starke Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems einnehmen, das sonst gegen das fremde Organ reagieren würde. Ziel der Transplantationsmediziner ist die "Toleranz-Induktion", so dass der Patient ohne die lebenslange Behandlung mit den Immunsuppressiva auskommt und das Immunsystem gleichzeitig intakt arbeitet.

Forschung an "Gemischtem Chimärismus"
Wekerle selbst forscht mit seinem Team an einem anderen Ansatz mit dem Ziel eines "Gemischten Chimärismus": Dabei soll der Empfänger zusätzlich zu einem Organ (z. B. der Niere) auch Knochenmark des Spenders erhalten. Bei Einnistung des fremden Knochenmarks kann auch eine Toleranz gegenüber dem Spenderorgan erreicht werden.

Die Forscher um Fändrich konnten bereits erste Erfolge mit den aus Blut gewonnenen regulatorischen Zellen des Immunsystems im Rahmen von Transplantationen erzielen: Bei acht von neun Patienten mit neuer Niere zeigte sich, dass die zusätzliche Verabreichung dieser Zellen die Abstoßung des gespendeten Organs innerhalb der ersten sechs Monate nach Transplantation verhindert werden konnte. Ziel der Therapie sei es, dass Patienten die Immunsuppressiva, die häufig schwere Nebenwirkungen haben, bereits innerhalb der ersten sechs Monate minimieren oder ganz absetzen können.

Der Weg zur Anwendung im klinischen Alltag ist Wekerles Einschätzung nach aber noch ein langer und er warnt vor übertriebenen Hoffnungen der Patienten. Zudem sei Forschung in diesem Bereich Pionierarbeit, routinemäßige Anwendungen seien erst in der Zukunft und sicherlich nicht in den nächsten drei Jahren zu erwarten. "Es ist ein erster Schritt, ein wichtiger und neuer Schritt" für die Forschung", so Wekerle.




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