17. November 2008 19:35

Buch im Vorabdruck 

Verdeckte Recherchen in der Pharmabranche

Der Medizinjournalist Hans Weiss wechselt für sein aktuelles Buch "Korrupte Medizin“ die Identität – und recherchiert als Pharmareferent.

Verdeckte Recherchen in der Pharmabranche
© APA

Im normalen Geschäftsleben würde man eine derartige Preisgestaltung als Wucher bezeichnen. Möglich ist sie nur, weil sich die Pharmakonzerne auf Mitstreiter in der Ärzteschaft stützen können. Diese verteidigen den Preiswucher mit allen Mitteln, denn sie selbst profitieren davon auf vielerlei Arten. Nur hohe Gewinne der Pharmabranche ermöglichen es, Ärzte großzügig mit Geschenken und Zuwendungen zu versorgen.

Ein schönes Beispiel für diese Interessensallianz lieferte die österreichischen Ärztekammern 2008. Um die ausufernden Kosten im Gesundheitssystem einzudämmen, plante die Regierung eine klitzekleine Reform. Die sah unter anderem vor, Ärzte dazu zu zwingen, statt teurer Originalmedikamente verstärkt Generika zu verschreiben. Daraufhin ertönte ein Aufschrei der Ärztekammern, als sei das Abendland in Gefahr. (…)

Was Medikamente wirklich kosten
Die folgende Liste enthält einige häufig verwendete Arzneimittel. Der Packungspreis bezieht sich auf die jeweils kleinste Packung. Der Kostenanteil des Wirkstoffs bezieht sich auf den Verkaufspreis der Packung und wurde mithilfe von Angeboten diverser Herstellerfirmen von Wirkstoffen im Juli 2008 berechnet:

  • Adalat – ein Herz-Kreislauf-Mittel von Bayer; Packungspreis 3,25 €; Kostenanteil des Wirkstoffs: circa 1,4 Prozent.
  • Aspirin – ein Schmerzmittel von Bayer: Packungspreis 2,45 €, Kostenanteil des Wirkstoffs: circa 0,1 Prozent.
  • ASS-ratiopharm – ein Schmerzmittel-Generikum von ratiopharm; Packungspreis 1,75 €, Kostenanteil des Wirkstoffs: circa 0,8 Prozent.
  • Nexium – ein Mittel gegen Magengeschwüre und Reflux von AstraZeneca; Packungspreis 9,70 €, Kostenanteil des Wirkstoffs: circa 2,3 Prozent.
  • Viagra – ein Erektionsmittel von Pfizer; Packungspreis 44,11 €, Kostenanteil des Wirkstoffs: circa 0,17 Prozent.
  • Voltaren dolo – ein Schmerzmittel von Novartis; Packungspreis 3,33 €, Kostenanteil des Wirkstoffs: circa 2 Prozent. (…)

Im Verborgenen
Was bringt es Pharmakonzernen, wenn sie ärztliche Meinungsbildner bezahlen? Unverblümte Antwort von Cutting Edge: Meinungsbildner seien nützlich für das Marketing. Damit beeinflusse man das Verschreibungsverhalten von Ärzten in großem Ausmaß.

Aus der Sicht der Ärzte, die sich kaufen lassen, stellt sich das natürlich anders dar. „Wir sind unabhängig!“, „Wir sind objektiv!“, lauten die Botschaften, die von Ärzten und ihren Standesvertretungen hierzulande verbreitet wurden.

Um dieses hehre Bild nicht zu stören und den falschen Schein aufrechtzuerhalten, hält man die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Konzernen und Ärzten so weit wie möglich im Verborgenen; nach dem Motto: kassieren und schweigen. (…)

  • 3.000 pro Stunde: Viele ärztliche Meinungsbildner erhalten für bestimmte Aktivitäten über die Stundenhonorare hinaus noch „Extravergütungen“:
  • 2.111 Dollar für einen Vortrag im Rahmen einer Marketingveranstaltung.
  • 3.145 Dollar für einen wissenschaftlichen Vortrag.
  • 2.940 Dollar für die Teilnahme an einem Advisory Board.
  • 3.725 Dollar für die Zusammenfassung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung (Abstract).
  • 3.726 Dollar für das Schreiben eines Manuskripts.

Unter Krebsärzten
Wo die Not am größten ist, lässt sich immer am meisten Geld verdienen. So auch in der Pharmabranche. Der weltweite Umsatz von Krebsmedikamenten hat sich in den vergangenen sechs Jahren mehr als verdoppelt, auf über 35 Milliarden US-Dollar im Jahr 2007, mit jährlichen Wachstumsraten von mehr als 20 Prozent. Mit dürftigen medizinischen Ergebnissen. Weil es in diesem Bereich für die Konzerne um viel Geld geht, wird bei Studien und Veröffentlichung der Ergebnisse auch entsprechend manipuliert und getrickst. Jede vierte Krebsstudie wird nicht veröffentlicht, weil das Ergebnis negativ ausgefallen ist – ein klarer Verstoß gegen die ethischen Regeln.




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