13. Februar 2008 14:07

Entdeckt 

Was HIV zum Überleben braucht

US-Wissenschaftler entdeckten, das HIV 273 Proteine der infizierten Zelle benötigt, um zu überleben. Das bringt ungeahnte Therapie-Möglichkeiten.

Was HIV zum Überleben braucht
© dpa

Praktisch unendlich viele theoretische neue Möglichkeiten, den Aids-Erregern zu Leibe zu rücken: HIV benötigt 273 Proteine der infizierten Zelle, um sich zu vermehren und zu überleben. Das haben US-Wissenschafter von der Harvard-Universität vor kurzem in einer Studie entdeckt, bei der alle menschlichen Gene einzeln darauf untersucht wurden, ob sie von den Aids-Erregern für deren Zwecke missbraucht werden.

Schlüssel-Studie
"Das ist einfach eine der Schlüssel-Studien über HIV dieses Jahrzehnts, wenn nicht für länger", geriet HIV-Co-Entdeckter Robert Gallo vom Institute of Human Virology in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) ins Schwärmen, als die US-Wissenschaftszeitschrift "Science" vor kurzem die Arbeit von Stephen Elledge (Brigham and Women's Hospital/Boston) und seinen Co-Autoren über jene Faktoren online veröffentlichte, von denen Sein oder Nichtsein der Viren abhängt.

Der Hintergrund: HIV selbst hat als Virus nur sehr kleines Genom mit neun Genen und kann nur 15 Proteine produzieren. Elledge: "Manche Viren tragen ihre Häuser wie die Schnecken am Rücken, andere dringen in die Häuser anderer ein und übernehmen sie einfach. HIV gehört zu letzteren. Diese Viren brauchen viele, viele verschiedenen Faktoren von der Wirtszelle."

Die Wissenschafter benutzten kleine RNA-Stücke, um mit der RNA-Interferenz-Methode in einem Testsystem jeweils ein Gen nach dem anderen in menschlichen Zellen (insgesamt 21.000 Gene) auszuschalten und zu überprüfen, welche Auswirkungen das auf HIV hatte. Das Resultat, so auch die Experten des Instituts für Virologie in Wien: "Bisher waren 36 zelluläre Faktoren bekannt, die HIV für seinen Infektionsprozess benötigt. (...) Die Autoren zeigen, dass das Virus von 273 zellulären Proteinen abhängig ist, die daher als 'HIV-dependency factors' (HDFs) bezeichnet werden."

Möglicher Durchbruch bei neuen Aids-Therapien
Das könnte jedenfalls einen Durchbruch in der Suche nach neuen Aids-Therapien bedeuten. Bis auf einen Wirkstoff, der auf den Zielzellen von HIV einen Co-Rezeptor blockiert, den die Aids-Erreger zum Eindringen benutzen, sind alle bisher rund ein Dutzend Wirkstoffe von HIV-Medikamenten gegen die wenigen Proteine der HI-Viren gerichtet. Nun könnte es erstmals die Möglichkeit geben, gezielt und umfassend nach Substanzen zu suchen, welche die Viren daran hindern, sich die befallenen Zellen für die Vermehrung zunutze zu machen.

Noch ein möglicher Vorteil einer solchen Strategie: HIV umgeht die Wirkung der bisher erhältlichen Arzneimittel leicht, weil es durch Gen-Mutationen seine Proteine vor den Medikamenten schützt. Doch auf Seiten der menschlichen Zellen und von deren Mechanismen, welche die Aids-Erreger benötigen, wären solche Mutationen unvorstellbar. Die menschliche Zelle hat keine Notwendigkeit, sich HIV auszuliefern. Weltweit sind derzeit rund 32 Millionen Menschen mit HIV infiziert, pro Jahr sterben etwa 2,1 Millionen Menschen an der Erkrankung.




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