14. Jänner 2009 10:54

Künstliche Piste 

Wien hatte schon 1927 eine Skihalle

In der Bundeshauptstadt wurde bereits vor 81 Jahren dem Indoor-Kunstschnee-Vergnügen gefrönt.

Wien hatte schon 1927 eine Skihalle
© dpa/dpa-Zentralbild/Z1003 Jens Büttner

Dass Wien im Herbst 2012 seine erste Skihalle erhalten soll, ist derzeit in aller Munde - und nicht ganz korrekt. Denn in der Bundeshauptstadt wurde bereits vor 81 Jahren dem Indoor-Kunstschnee-Vergnügen gefrönt. Am 26. November 1927 eröffnete der "Schneepalast" in der Nordwestbahnhalle. Mit großem Pomp und Trara weihte Bürgermeister Karl Seitz das eigenwillige Konstrukt ein. Das "Illustrierte Sportblatt" widmete sich dem urbanen Unikum ausführlich und titelte: "Kitzbühel im Nordwestbahnschnee?"

"Künftighin wird die Natur im Winter überhaupt nichts mehr zu tun haben", warf die beliebte Sportzeitung einen verblüffend kühnen Blick in die Zukunft. "Der englische Chemiker Ayscoughs fabriziert aus Soda künstlichen Schnee, der so weiß, so weich und gleitfähig ist, wie der natürliche. Ein riesiges Brettergerüst hat sich in eine richtige Winterlandschaft verwandelt. Eine große 'Skiwiese' ist da, eine Rodelbahn und für ganz Waghalsige sogar eine Sprungschanze. Eine Bahn ist von der anderen durch Bäumchen und Gesträuch getrennt; mit einiger Phantasie also kann man glauben, man ist irgendwo in den Bergen."

Das Ski-Gelände in dem zur Allzweckhalle umfunktionierten Inneren des 1870 erbauten und im Zweiten Weltkrieg zerstörten Nordwestbahnhofs maß 3.000 Quadratmeter, "das bald in sanften, bald in steileren Hängen gute Gelegenheit zur Ausübung aller Schneesports bietet". Auf einer der seltenen Aufnahmen in der Illustrierten "Wiener Bilder" ist eine schräge Rampe zu sehen, auf der die Stadtskifahrer zu Fuß "bergauf" gehen, während sich hinter den Absperrungen Hunderte von Schaulustigen drängen.

Der "Schneepalast" hatte aber auch jede Menge moderner Annehmlichkeiten zu bieten: So wurden etwa die Rodeln mittels elektrischen Motors nach oben gezogen, und die Sprungschanze erlaubte Weiten von bis zu 20 Metern. Die Halle wurde bei Eintritt der Dunkelheit sowie bei nebeligem Wetter auch bei Tag durch 25.000-Watt-Lampen beleuchtet. Geöffnet war die Anlage täglich von 10.00 bis 22.00 Uhr.

Natürlich ließ es sich der Reporter des "Illustrierten Sportblattes" nicht nehmen, die Bahnhofspiste selbst auszuprobieren: "Erst wenn man mit dem Gesicht nach vorne stürzt, dann schmeckt es nicht nach Wasser, sondern nach Soda. Dafür wird man nicht nass. Aber es juckt ein bisschen. Norwegerhosen und offene Blusen sind im Interesse des zuschauenden Publikums besonders empfohlen."




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