Sightjogging durch Berlin

Im Laufschritt

© sxc

Sightjogging durch Berlin

Beim Joggen lässt Simone Artmann ihre Kamera sonst zu Hause. An diesem Tag aber drückt sie alle paar Minuten auf den Auslöser. Berlin Hauptbahnhof. Klick. Reichstagsufer. Klick. Potsdamer Platz. Klick. Zusammen mit ihrem Freund Lars Sudthoff macht die 33-Jährige bei einer Sightjogging-Tour durch die Hauptstadt mit. In einer Mischung aus Fitness-Stunde und Stadtführung geht es im Laufschritt vorbei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Hin und wieder wird ein kurzer Stopp eingelegt, wenn mehr Informationen gewünscht sind. Die Bielefelder verbringen ein Wochenende in Berlin und möchten beides: Kultur schnuppern und sportlich aktiv sein.

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Für Sportliche
Lauf-Coach Philipp Weyers weist der kleinen Gruppe den Weg durch die Stadt. Der Nebenjob bedeutet für ihn die ideale Ergänzung seines Sport- und Geschichtsstudiums: Er hält sich fit und kann sein Berlin-Wissen an Touristen weitergeben. Artmann und Sudthoff sind diesmal die einzigen Teilnehmer der Tour. Durch einen Fernsehbeitrag wurde Sudthoff auf das Angebot aufmerksam. "Vorher wusste ich gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt."

Der Berliner Sightjogging-Markt sei klein, sagt Weyers. Der Andrang halte sich in Grenzen, vor allem in der kalten Jahreszeit. Etwa sechsmal pro Monat joggt der Student mit Touristen durch Berlin, in den Wintermonaten seltener. Laut der Berlin Tourismus Marketing GmbH gibt es momentan drei Anbieter. Die Preise variieren je nach Gruppenstärke und Dauer zwischen 19 und 108 Euro. Sightjogging gibt es auch in vielen anderen Städten wie Hamburg, Frankfurt und Augsburg.

Laufschritt statt Bustour
Am Brandenburger Tor stehen vier Doppeldeckerbusse Stoßstange an Stoßstange, voll besetzt mit Touristen, die beim Sightseeing keinen sportlichen Ehrgeiz verspüren. Auf dem Platz des 18. März müssen die Sightjogger ihr Tempo verlangsamen und sich ihren Weg durch Fahrrad-Rikschas, Pferdekutschen und Berlin-Besucher bahnen, die zu Fuß unterwegs sind. Sudthoff schaut auf die Menschen in den Doppeldeckerbussen und sagt: "Da bewege ich mich doch lieber."

Die Touren verlangten niemandem sportliche Höchstleistungen ab, glaubt Coach Weyers: "Wir laufen höchstens einen Sechs-Minuten-Schnitt pro Kilometer." Da komme jeder mit. Wer sich zum Sightjogging anmelde, treibe aber meist auch in seiner Freizeit viel Sport und sei deshalb körperlich fit.

Manch ein Teilnehmer wolle sich richtig auspowern. Der 21-Jährige mit den blonden Locken und den durchtrainierten Waden ist flexibel: "Wenn wir hier durchpreschen, gibt's eben ein paar weniger Infos." Oft laufe er mit Geschäftsleuten, die das Angebot unter dem Gesichtspunkt der Zeitoptimierung sähen: "Die wollen dann nicht mit leerem Gerede aufgehalten werden."

Sudthoff stört es nicht, dass Weyers ab und zu stehen bleibt, um ausführlichere Infos zu geben: "Wenn ich nur laufen wollte, könnte ich auch alleine in den Wald gehen." Während des Joggens legt der Sportstudent aber keinesfalls eine Redepause ein. Das junge Paar lernt etwas über Berlins jüngere Geschichte, den Verlauf der Mauer, die berühmten Museen. Falls Weyers das gleichzeitige Joggen und Sprechen anstrengt, ist es ihm nicht anzumerken.

Tourende
Verschwitzt erreichen die Sightjogger nach gut eineinhalb Stunden die letzte Station der etwa neun Kilometer langen Tour, den Checkpoint Charlie. Ein letztes Mal zückt Artmann ihre Kamera. Klick. Sudthoff ist zufrieden: "Ich hätte nicht gedacht, dass man in so kurzer Zeit so viel zu sehen bekommt." Jetzt hat er nur noch einen Wunsch: So schnell wie möglich zurück ins Hotel und unter die Dusche.

Mehr Infos: www.sightjogging-berlin.de

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