06. August 2010 10:03
Radioaktive Gefahr, von Flammen bedrohte Munitionsdepots und immer wieder
giftiger Smog in Moskau: Die schwersten Waldbrände in Russland seit
Jahrzehnten werden für die Menschen immer beängstigender. Die Zahl der
Feuertoten stieg nach offiziellen Angaben auf 52. Experten warnen vor einem
weiteren Horror-Szenario: Die Brände drohen zunehmend, radioaktive Stoffe
aus verstrahltem Boden freizusetzen. Besonders gefährdet sind Gebiete, die
bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 verstrahlt wurden.
Keine Österreicher betroffen
Das Außenministerium in Wien
erklärte unterdessen, dass es bisher keine Informationen über unmittelbar
gefährdete oder zu Schaden gekommene Österreicher in den Krisengebieten gibt.
Das Außenamt gab Reisehinweise für Österreicher heraus, die sich in den
Krisenregionen aufhalten. Diesen wurde empfohlen, diese Gebiete zu
verlassen. Auch wurde davon abgeraten, in die Brandregionen zu reisen. Der
Botschaft in Moskau sind rund 500 Auslandsösterreicher bekannt, die sich in
Russland aufhalten. Dabei handle es sich zum überwiegenden Teil um Personen,
die dort auch ihren Lebensmittelpunkt haben. Die meisten von ihnen leben im
Großraum Moskau.
Sterberate dramatisch erhöht
Wegen der weiter andauernden
Jahrhunderthitze und des Rauchs von den Torfbränden im Moskauer Umland
erhöhte sich die Sterberate dramatisch. Nach Angaben des Moskauer
Standesamtes stieg die Zahl der Toten im Juli im Vergleich zum
Vorjahresmonat um etwa 50 Prozent auf 14.340. Die Messungen für
Luftschadstoffe wie Kohlenmonoxid lagen in Moskau viermal so hoch wie
üblich. Es war damit die stärkste bisher verzeichnete Luftverschmutzung in
der Hauptstadt. Nach Angaben des Ministeriums für Notlagen loderten am
Freitag mehr als 500 Brände.
Ende der Hitze nicht in Sicht
Ein Ende der Dürre und sengend
heißen Temperaturen, die vielerorts um die 40 Grad Celsius lagen, war nicht
in Sicht. Auf dem Gelände des atomaren Forschungszentrums in Sarow etwa 400
Kilometer östlich von Moskau loderten am Freitag noch zwei Brände. Dort
kämpfen Spezialkräfte seit Tagen gegen die radioaktive Gefahr. Trotz des
starken Rauchs, der die Löscharbeiten behindere, sei die Lage aber derzeit
unter Kontrolle, teilte die Feuerwehr nach Angaben der Agentur Interfax mit.
Zuvor hatte auch Zivilschutzminister Sergej Schoigu davor gewarnt, dass die
Brände radioaktiv verseuchten Boden im Gebiet von Brjansk aufwirbeln
könnten. Brjansk befindet sich südwestlich von Moskau an der Grenze zu
Weißrussland und zur Ukraine. Die Region ist seit der Atomkatastrophe von
Tschernobyl 1986 besonders stark von Radioaktivität betroffen. Die Stadt mit
mehr als 400.000 Einwohnern liegt etwa 300 Kilometer vom ukrainischen
Tschernobyl entfernt. Die ukrainischen Behörden bezeichneten die Lage im
Gebiet Tschernobyl als derzeit ungefährlich. "Es besteht heute kein Grund
zur Beunruhigung", sagte ein Behördensprecher.
Waffen in Sicherheit gebracht
Im Moskauer Umland waren Soldaten
weiter damit beschäftigt, ein Übergreifen der Flammen auf Munitionsdepots zu
verhindern. Sie brachten Raketen und Artillerie in Sicherheit. Wegen der
starken Rauchentwicklung durch die Wald- und Torfbrände im Moskauer Umland
war die gesamte russische Hauptstadt erneut in dichten Smog gehüllt. Auf den
Moskauer Flughäfen verzögerten sich dutzende Starts und Landungen wegen der
schlechten Sicht von unter 300 Metern. Einige Flüge wurden umgeleitet.
Für Russlands Atomwaffen stellten die Waldbrände nach Militärangaben keine
Gefahr dar. Die atomaren Raketen und Startanlagen seien so konstruiert, dass
sie gegen Blitzschlag, Kurzschluss und Brände gesichert seien, sagte der
Sprecher der russischen Raketentruppen, Wadim Kowal. Auch der russische
Atomkonzern Rosatom gab an, dass für die zivilen Anlagen wie Kernkraftwerke
keine Gefahr durch die Feuersbrunst bestehe.
Russland will seine Kräfte im Kampf gegen die Feuerwalze noch einmal weiter
verstärken. Bis Montag will Regierungschef Wladimir Putin einen Plan für
eine bessere technische Ausstattung der Feuerwehren und einen intensiveren
Brandschutz vorlegen. Inzwischen griff die Feuersbrunst auch auf die
russische Teilrepublik Dagestan in der Konfliktregion Nordkaukasus über.
Dort vernichteten die Waldbrände in einem Dorf fast 60 Häuser.
Landesweit sind seit Beginn der Brände hunderte Häuser zerstört worden.
Hunderte Menschen wurden verletzt, tausende sind auf der Flucht vor den
Flammen. Hilfsorganisationen und Beobachter gehen davon aus, dass die
Opferzahl und die Schäden größer sind als bisher von den Behörden
bekanntgegeben. Die Zeitung "Moskowski Komsomolez" schätzte den
Gesamtschaden bisher auf Grundlage von Expertenangaben auf umgerechnet 25
Milliarden Euro. Allein die Schäden durch Ernteeinbußen übersteigen
umgerechnet eine Milliarde Euro. Zudem müssen mehr als 200.000 Hektar Wald
aufgeforstet werden.