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Betrogene Chinesinnen engagieren Agentinnen

Jagd auf die Geliebte

Betrogene Chinesinnen engagieren Agentinnen

Mehr als 50.000 Euro hat Frau Wang ausgegeben, um ihre Ehe zu retten. Das Geld hat sie nicht etwa für eine Paar-Therapie bezahlt, sondern an eine Geliebtenjägerin. Als Wang herausfand, dass ihr Mann sie seit Jahren betrog, engagierte sie eine Agentin, die die Geliebte überzeugen sollte, sich von dem Ehemann zu trennen.

Das Geschäft mit den Affären-Crasherinnen floriert, denn immer noch scheuen viele Frauen die Scheidung. Bei Frau Wang führte die Mission binnen zwei Monaten zum Erfolg. "Ich bin zufrieden, das war mir die Sache wert", sagt sie. Nun überlegt sie, künftig selbst auf Geliebtenjagd zu gehen. "Auf diese Weise kann ich Frauen helfen, ihre Familien und ihre Rechte zu schützen." Eine Scheidung kam für sie nicht infrage - zu groß war ihre Angst vor dem gesellschaftlichen und finanziellen Abstieg.

Keine Scheidung

"Mein Ziel ist es, Scheidungen zu verhindern", sagt Shu Xin, der Gründer der Agentur Weiqing, die auch für Wang gearbeitet hatte. "Wir retten jedes Jahr ungefähr 5.000 Paare."

300 Agentinnen sind für Weiqing im ganzen Land im Einsatz. Sie sind studierte Psychologinnen, Soziologinnen oder Juristinnen und haben eine dreijährige Zusatzausbildung abgeschlossen. Erst dann werden sie auf die Geliebten angesetzt. Sie geben sich als Nachbarinnen, Putzfrauen oder Babysitterinnen aus und versuchen so, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen.

Die 47 Jahre alte Ming Li macht den Job seit drei Jahren. "Ich bin meistens älter als die Geliebten, deshalb hören sie auf mich", sagt sie. "Ob im Park, im Supermarkt oder bei der Arbeit - wir finden immer einen Weg, in Kontakt mit der Geliebten zu kommen", sagt sie. "Einmal habe ich mich sogar als Hellseherin ausgegeben, dieser Fall war am schnellsten erledigt."

Die Scheidungsrate hat in China in den vergangenen zehn Jahren um fast 70 Prozent zugenommen, inzwischen ist sie höher als in Europa. "Eine lockerere Moral, Spannungen wegen der Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau und der stärker gewordene Wunsch, eigene Träume zu verwirklichen", nennt Scheidungsanwalt Zhu Ruilei als Gründe. Laut einer Studie des chinesischen Datingportals Baihe.com war in der Hälfte der Erst-Ehen mindestens ein Partner untreu.

Geliebte werden verachtet

Dennoch werden Frauen, die sich mit einem verheirateten Mann einlassen, in China äußert geringschätzig betrachtet. Außereheliche Kinder gelten noch immer als Tabu. Manchmal werden sie auch Opfer von Selbstjustiz. Im Juni kursierte im Internet ein Video, in dem eine Gruppe von Frauen ein nacktes Mädchen angreift, weil es ein Verhältnis mit einem der Ehemänner gehabt haben soll.

"Geliebte gibt es auf der ganzen Welt. Aber besonders in China werden sie von den Ehemännern ausgehalten: Sie zahlen ihnen Luxuswohnungen, Autos und andere Luxusgüter", sagt Agenturgründer Shu. Die Frauen, die seine Agentur engagieren, müssen ebenfalls eine Menge Geld auf den Tisch legen. "Versagen wir, müssen wir alles zurückzahlen", verteidigt sich der ehemalige Journalist.

Das Geschäft der Agenturen sei nicht illegal, sagt Scheidungsanwalt Zhu. Dennoch findet er das Vorgehen problematisch: "Die Privatsphäre wird verletzt, und das Verhältnis zwischen der Geliebten und der Agentin basiert auf Täuschung. Da können Gefühle verletzt werden." Für dieses Problem hält Geliebtenjägerin Ming eine Lösung parat: "Manchmal helfe ich der Geliebten, einen neuen Freund zu finden. Das ist meine Art, sie glücklich zu machen."
 

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