Bulldozer im

Flüchtlinge

Bulldozer im "Dschungel" von Calais

"Und wenn ihr alles kaputt gemacht habt, wo gehen wir dann hin?" Fassungslos, machtlos, resigniert verfolgt Amar das Treiben der Bauarbeiter mit den orangefarbenen Jacken. Mit Bulldozern werden im Flüchtlingslager von Calais die selbstgebauten Hütten abgerissen, in denen der Sudanese und viele andere Flüchtlinge zuletzt lebten, Dutzende Polizisten in voller Schutzmontur sichern die Arbeiten ab. Die Regierung verspricht "dauerhafte und humane Lösungen" für die Flüchtlinge - doch bei den Bewohnern des als "Dschungel" bekannten Lagers stößt die Teilräumung auf Widerstand.

Abriss mit Bulldozern
Der Gestank von verbranntem Plastik hängt noch über dem "Dschungel", als Mittwoch früh wie in den Vortagen eine Gruppe von Bauarbeitern und die Polizei mit 30 Mannschaftswagen und zwei Wasserwerfern anrücken. In der Nacht sind wieder einige der aus Holz und Plastikplanen errichteten Hütten niedergebrannt - womöglich aus Protest in Brand gesetzt, vielleicht in Flammen aufgegangen, weil Lagerfeuer übergriffen.

Die Polizisten jedenfalls fackeln nicht lange an diesem eiskalten Morgen: Sie schlagen kräftig an die Hütten, rufen "Ihr müsst raus, jetzt wird abgerissen!" Während die schlaftrunkenen Flüchtlinge eilig ihre wenigen Sachen zusammenpacken, rücken die Arbeiter mit Bulldozern an.

Heftige Zusammenstöße
Einige in dicke Jacken gehüllte Flüchtlinge versuchen, die Abrissarbeiten noch zu verhindern, klettern auf die Dächer ihrer spärlichen Unterkünfte; doch damit gewinnen sie nur ein wenig Zeit. "Wir können gegen die Polizisten nichts ausrichten", sagt Noureen, ein anderer sudanesischer Flüchtling. "Sie sagen, die Hütten seien leer. Aber sie vertreiben uns mit Gewalt."

Seit Montag lässt die französische Regierung, der das Lager schon seit langem ein Dorn im Auge ist, den südlichen Teil des "Dschungels" räumen - 800 bis 1.000 Flüchtlinge sollen den Behörden zufolge dort zuletzt gelebt haben, Hilfsgruppen sprechen dagegen von 3.450. Am ersten Tag der Teilräumung gab es heftige Zusammenstöße mit der Polizei, Flüchtlinge und Aktivisten warfen Steine, die Beamten setzten Tränengas ein. Seitdem hat sich die Lage beruhigt - doch Beobachter befürchten, dass es jederzeit zu neuer Gewalt kommen könnte.

Letzte Etappe der Flucht
Denn trotz der fehlenden Toiletten, der verschlammten Wege, des kalten Windes, der durch die einfachen Hütten zieht - die Flüchtlinge wollen nicht weg aus Calais. Oder besser gesagt: Sie sehen Calais als letzte Etappe ihrer langen Flucht aus ihren von Bürgerkriegen verwüsteten Heimatländern. Großbritannien, für sie das Land der Verheißung, liegt auf der anderen Seite des Ärmelkanals und damit in greifbarer Nähe.

Sozialarbeiter versuchen, den Flüchtlingen eine Alternative schmackhaft zu machen: Sie sollen mit Bussen in eines der 102 Aufnahmezentren gefahren werden, die in ganz Frankreich errichtet wurden, und dort einen Asylantrag stellen. "Menschen in prekären Situation zu lassen, entspricht nicht unserem humanitären Ideal", beteuert Innenminister Bernard Cazeneuve. "Unserem humanitären Ideal entspricht, Menschen, die schon viel gelitten haben, Schutz zu bieten."

Zielland Großbritannien
Doch die Fahrt in Aufnahmelager würde die Flüchtlinge vom Ärmelkanal fortbringen und damit von ihrem Zielland Großbritannien. Und in ein Containerlager am Rande des "Dschungels" wollen viele Flüchtlinge auch nicht: Sie fürchten, dass ihre Fingerabdrücke dort registriert werden, was einen Asylantrag in Großbritannien verhindern könnte.

"Die meisten werden erstmal im nördlichen Teil des Dschungels eine Bleibe finden", sagt ein Helfer der Caritas. "Und dann ziehen sie ganz einfacher weiter." In andere Camps, die an der nordfranzösischen Küste am Ärmelkanal entstehen, und in denen die Zustände oft noch schlimmer sind als im "Dschungel".

Mehrere Wochen geben sich die Behörden, um den südlichen Teil des Lagers zu räumen. Doch die Flüchtlingskrise am Ärmelkanal, das ist jetzt schon klar, wird sich mit Bulldozern nicht lösen lassen.

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