Erdbeben in Chile

© Reuters

 

"Das Meer reichte uns bis zum Hals"

Eines der schwersten Erdbeben der Geschichte hat in Chile Teile des Landes zerstört und Hunderte Menschen getötet. Das Jahrhundertbeben erreichte die Stärke 8,8 und löste eine Flutwelle aus. Für nahezu die gesamte Pazifik-Region wurde Tsunami-Alarm gegeben, die befürchteten Riesenwellen blieben aber aus. Bisher wurden mindestens 700 Tote geborgen. Das Ausmaß der Katastrophe werde frühestens in drei Tagen feststehen, sagte Carmen Fernandez, die Direktorin des Notstandsbüros im chilenischen Innenministerium am Samstagabend (Ortszeit). Nach Behördenangaben wurden durch das Erdbeben rund zwei Millionen Häuser und Wohnungen in Chile zerstört.

Plünderer ziehen durch die Stadt
Vor allem in den am stärksten betroffenen Regionen von Maule und Biobio galten zahlreiche Menschen als verschollen. In der Stadt Concepcion lieferten sich die Rettungsmannschaften einen Wettlauf mit der Zeit. Dort war bei dem Beben am Samstagmorgen ein Gebäude mit 14 Stockwerken in zwei Teile zerbrochen. Nach einem Bericht der Zeitung "La Tercera" wurden bis zum späten Abend etwa 30 Menschen lebend aus den Trümmern befreit, 60 Menschen seien noch in dem Komplex gefangen, der jederzeit einstürzen könnte, berichtete das Blatt.

Am Sonntag zogen Plünderer durch Concepcion. Wie das chilenische Fernsehen berichtete, beteiligten sich mehrere Dutzend Menschen an der Plünderung eines Supermarkts. Auch an anderen Stellen der Stadt wurden Plünderer beobachtet.

Tsunami nimmt harmlosen Verlauf
Ein Erdbeben der Stärke 8,8 gilt als Großbeben, bei dem normalerweise mit vielen Opfern und schweren Verwüstungen zu rechnen ist. Damit war das Beben nach Einschätzung von Experten bis zu hundertmal heftiger als die Erdstöße der Stärke 7,0, die am 12. Januar Haiti erschüttert hatten. Chile wird immer wieder von Erdbeben heimgesucht: Das heftigste je auf der Erde gemessene Beben hatte eine Stärke von 9,5 und ereignete sich 1960 ebenfalls in dem südamerikanischen Land. Damals starben 1.655 Menschen.

Aufatmen konnten die Bewohner und Touristen auf Hawaii. Dort hob das Tsunami-Warnzentrum alle Warnungen vor Riesenwellen für den Pazifischen Raum am Samstagabend auf. Nur für die Küsten Japans und Russlands wurden die Warnungen aufrecht gehalten. An der japanischen Nordküste wurden bis Sonntagnachmittag (Ortszeit) Flutwellen von 1,45 Metern Höhe beobachtet, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete. An der russischen Pazifikküste schwappten erste Wellen mit Höhen von bis zu 80 Zentimetern ans Ufer. In Japan hatten die Behörden aus Furcht vor einem Tsunami Zehntausende Bewohner an der Pazifikküste aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen.

chile

Haus bricht in zwei Hälften / (C) EPA

"Das Meer kam ins Haus"
In Chile dagegen verschlimmerten die Wassermassen das vom Erdbeben angerichtete Elend noch. "Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals", sagte eine Einwohnerin von Iloca im Süden des Landes. In der Stadt Talcahuano wurden selbst größere Schiffe bis ins Stadtzentrum geschwemmt, im Hafen lagen riesige Seecontainer wie Streichhölzer durcheinander. "Das Wasser hat alles, aber auch alles fortgerissen", sagte ein Überlebender aus dem kleinen Küstenort Boyecura.

Auf der chilenischen Insel Robinson Crusoe, rund 670 Kilometer westlich von Südamerika, wurden fast alle Gebäude zerstört. Dort starben mindestens fünf Menschen in den Wassermassen, elf wurden noch vermisst. Finanzminister Andres Velasco sagte den Opfern finanzielle Unterstützung zu. Der Staatshaushalt sei flexibel, so dass das Land in der Lage sei, derartige Katastrophen zu bestehen.

Mehr als 70 Nachbeben
Nach dem Mega-Beben wurden mehr als 70 Nachbeben mit einer Stärke von mindestens 4,9 registriert, berichtete die US-Geologiebehörde USGS. Auch der Norden Pakistans wurde am Sonntag von einem Erdbeben der Stärke 6,2 erschüttert. Meldungen über Tote oder Schäden gab es zunächst nicht.

Die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet versuchte, ihren geplagten Landsleuten Mut zu machen: "Wie bei früheren Katastrophen werden wir auch diese Probe bestehen", sagte sie bei einer Fernsehansprache. Nach ihren Angaben waren zwei Millionen Menschen direkt von dem Beben betroffen und 1,5 Millionen Wohnungen teilweise oder ganz zerstört.

Wellenhöhe von bis zu drei Metern
Außer den erheblichen Schäden an Gebäuden und der Infrastruktur in der Hauptstadt Santiago und anderen Großstädten weiter im Süden des Landes wurden weite Küstenstriche von großen Flutwellen verwüstet. Die mächtigen Erdstöße am Samstag um 3.34 Uhr Ortszeit hatten die Menschen im Schlaf überrascht. Hunderttausende rannten in Panik aus ihren Häusern und kampierten aus Angst im Freien. Das Epizentrum lag nach Angaben der US-Erdbebenwarte etwa 92 Kilometer nordwestlich der Stadt Concepción.

In Japan wurden als Folge des Bebens erste kleinere Wellen zwischen zehn und 30 Zentimetern zunächst in der nördlichsten Provinz Hokkaido beobachtet. Nachfolgende Wellen könnten aber höher sein, warnten die Behörden. Die nationale Meteorologische Behörde schätzte eine mögliche Wellenhöhe von bis zu drei Metern. Es war das erste Mal seit mehr als 15 Jahren, dass die Behörde eine Warnung vor einem größeren Tsunami ausgab. Betroffen waren die nördlichen Provinzen Aomori, Iwate und Miyagi. Berichte über größere Schäden oder Verletzte lagen zunächst nicht vor.

Surfer ignorieren Tsunami-Warnung
Mehr als 18 Stunden nach dem Erdbeben in Chile erreichte eine etwa 1,20 Meter hohe Welle die Insel Raoul, die auf halbem Weg zwischen Neuseeland und Tonga liegt. Die neuseeländischen Chatham Inseln, etwa 700 Kilometer südöstlich der Hauptinsel, wurden von drei Wellen getroffen, die eine Höhe von bis zu etwa 1,50 Metern erreichten. Auf dem Festland in der Provinz Northland wirbelte das Wasser im Hafen von Tutkaka "wie eine Waschmaschine", berichtete die Lokalbehörde.

An der australischen Ostküste waren die Strände von Brisbane bis Sydney zwar offiziell geschlossen worden, doch ignorierten das tausende Schaulustige. An den Stränden Bondi und Coogee in Sydney waren sogar Schwimmer und Surfer im Wasser.

"Holprige" Suche nach Österreichern
Im Außenministerium war man am Sonntag weiterhin intensiv bemüht, Informationen über jene Österreicher zu bekommen, die sich tatsächlich oder auch nur wahrscheinlich im chilenischen Katastrophengebiet aufhalten, berichtete Außenamts-Sprecher Peter Launsky-Tieffenthal. Fallen gelassen wurde die Idee, von Santiago ein EU-Team nach Concepcion zu entsenden, um dort nach Bürgern der Union zu suchen.

"Man hat das aufgegeben, da die Straßenverbindungen zu schlecht sind. Außerdem wollten wir der Hilfe nicht im Weg stehen." Stattdessen ist es gelungen, mit einigen dort lebenden Honorarkonsuln in Kontakt zu treten. Diese werden sich nun um Informationen - auch um Österreicher - bemühen.

Am Sonntag waren relativ wenige Anrufe besorgter Angehöriger im Außenamt eingegangen. Zudem sei es bereits gelungen, eine Reihe von Personen ausfindig zu machen. Der Kontakt zur österreichischen Botschaft in Santiago sei weiterhin "holprig", berichtete Launsky-Tieffenthal. Einzig die Email-Verbindung funktioniere zuverlässig.

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