Das Protokoll des Todes-Fluges Das Protokoll des Todes-Fluges

Trauer in Polen

© EPA

 

Das Protokoll des Todes-Fluges

Der Todesflug von Smolensk : Polens Staatspräsident Lech Kaczynski, seine Frau, Dutzende Politiker und hohe Militärs kamen ums Leben. Ganz Polen weint.

Einen Tag nach der Katastrophe ist klar: Ein Fehler von Flugkapitän Arkadiusz Protasiuk führte zum tödlichen Absturz. Er hat die Tupolew TU-154, auch „fliegender Sarg“ genannt, trotz Warnungen durch Fluglotsen wegen dichten Nebels, landen wollen.

Doch warum? Wie ÖSTERREICH schon am Sonntag berichtete, gab offenbar Kaczynski selbst den Befehl zum tödlichen Manöver. Er wollte unter allen Umständen die Trauerfeier in Katyn rechtzeitig erreichen – da sind sich Pilotenkollegen, Luftraumexperten und Trauernde mittlerweile einig. „Der Pilot hatte keine Durchsetzungskraft. Der Druck auf ihn war zu groß“, sagt Luftfahrtexperte Tomasz Szulc. Aber: Aus Pietätsgründen will Polen diese Diskussion vorerst noch nicht zulassen.

Tödlich: Bei 4. Versuch kam Maschine unter Mindesthöhe
Tatsache ist: Fluglotsen warnten den Piloten mehrfach. Eine Stunde zuvor musste ein russischer Flieger umdrehen – zu wenig Sicht. Drei Mal hat der Pilot versucht, die Tupolew auf den Boden zu bringen – ohne Erfolg. Der vierte Landeversuch endete in der Tragödie (Protokoll rechts). „Es ist unverständlich, warum er zur Landung ansetzte“, sagt Christoph Mair von der Austrian Cockpit Association (siehe Interview).

Die Auswertung der Black Boxes soll nun klären, wie es zum Absturz gekommen ist. Wie oft gab es Warnungen durch die Fluglotsen? Hat Kazcynski tatsächlich den Befehl zur Landung gegeben? Waren sich die Piloten des Manövers bewusst? In Polen werden jetzt die Aufzeichnungen der Flugschreiber mit großer Spannung erwartet.

Der verstorbene Präsident war von einigen Piloten gefürchtet: Bereits 2008 hat Kaczynski einen Piloten zum gefährlichen Manöver zwingen wollen. Dieser weigerte sich, Kaczynski warf ihm Befehlsverweigerung vor. „Wer Offizier ist, darf kein Feigling sein.“

Im Zeitraffer: Die letzten dramatischen Minuten in der Präsidentenmaschine.
7.23 Uhr: Das Flugzeug Tupolew hebt planmäßig vom Flughafen Frederic Chopin in Warschau ab.
8.10 Uhr: Am Zielflughafen herrscht dichter Nebel und schlechte Sicht. Fluglotsen warnen den Piloten erstmals vor einer Landung. Zu gefährlich. Sie empfehlen einen Weiterflug nach Minsk oder Moskau.
8.20 Uhr: Die Maschine beginnt trotzdem den Landeanflug auf den Militärflughafen in Smolensk. Die Sicht beträgt zu diesem Zeitpunkt weniger als 400 Meter – das ist zu wenig für eine risikofreie Landung. Erst ab 1.000 Meter Sichtweite ist eine Landung erlaubt.
8.22 Uhr: Der Pilot ignoriert die Warnungen erneut. Er versucht zum ersten Mal, am Flugfeld zu landen – ohne Erfolg.
8.35 Uhr: Auch der zweite Landeversuch der Tupolew scheitert.
8.42 Uhr: Der Pilot versucht ein drittes Mal die Landung. Wieder ohne Erfolg. Trotzdem entscheidet er sich zu einer weiteren Schleife und zum vierten Landeversuch.
8.50 Uhr: Die Tragödie: Der Flieger gerät unter die Mindest-Flughöhe, touchiert einige Baumwipfel und stürzt zu Boden. Die Tupolew explodiert, überall Rauch und Feuer. Alle 96 Passagiere sind tot

Ein ganzes Land weint um seinen Präsidenten

Mit zwei Gedenkminuten und einer großen Zeremonie bei der Ankunft des Kaczynski-Sargs hat Polen um die Opfer der Tragödie getrauert.

Warschau. Ein roter Teppich am Flugfeld, Soldaten in Spalier und eine prunkvolle Militärzeremonie: Am Sonntag sind die sterblichen Überreste von Präsident Lech Kaczynski nach Warschau überstellt worden und am Flughafen mit Würde in Empfang genommen worden. Wenig später ist der Sarg von Kaczynski zum Präsidentenpalast gebracht worden.

Dort warteten Zehntausende – die Fassungslosigkeit war ihnen ins Gesicht geschrieben. Zu Mittag hat ganz Polen mit zwei Schweigeminuten um den Präsidenten und die anderen Opfer der Flugzeugtragödie getrauert. Unmittelbar zuvor haben im ganzen Land Kirchenglocken geläutet. Tausende Blumen, Kränze und Kerzen sind vor den Präsidentenpalast gebracht worden. Trauernde schwenkten polnische Fahnen und stimmten spontan Gebete und Lieder an. Geschäfte, die sonst offen haben, waren geschlossen. Im ganzen Land wurden Gottesdienste abgehalten.

Die Staatstrauer wird offiziell noch bis Freitag andauern. Wie es dann politisch weitergeht, ist völlig unklar. Fix: Die Präsidentschaftswahlen finden im Juni statt.

Laut dem Politikexperten Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck hat diese Tragödie vor allem in die Partei von Lech Kaczynski ein großes inhaltliches und personelles Loch gerissen. Nun sei abzuwarten, ob seine Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) überhaupt jemanden bei den Wahlen aufstellt. Möglich sei auch, dass Bruder und Ex-Premier Jaroslaw antritt. Ihm würde ein enormer emotionaler Solidarisierungseffekt zu Gute kommen. Favorit ist jedenfalls Bronislaw Komorowski, der interimistisch bis auf Weiteres an der Spitze Polens steht. (prj)

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