Deutsche Pressestimmen zu Köhler-Rücktritt

"Null-Bock-Horst"

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Deutsche Pressestimmen zu Köhler-Rücktritt

In den deutschen Zeitungen war am Dienstag der überraschende Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler das bestimmende Thema:

"Süddeutsche Zeitung" (München):
"Es hat wohl noch nie jemand dem Amt des Bundespräsidenten so großen Schaden zugefügt, wie es Horst Köhler an diesem Montag getan hat. Köhler hat die Präsidentschaft dieses Landes nicht bedächtig niedergelegt, etwa weil ihn Krankheit oder ernste Umstände im Familienkreise dazu gezwungen hätten. Nein, er hat das höchste Amt im Staate hingeworfen, weil er beleidigt ist. Er ist darüber beleidigt, dass ihm, der er immer auch ein politischer Bundespräsident sein wollte, politische Kritik entgegengeschlagen ist. Köhler, angeblich ein Mann mit festem konservativen Wertekanon und ausgeprägtem Pflichtgefühl, wirkt im Moment wie ein Sponti: der Null-Bock-Horst. Man war garstig zu ihm und jetzt mag er nicht mehr mitspielen. Leider ist das Ganze kein Spiel, sondern ein Fußtritt für jenes Amt, das alle Deutschen repräsentieren soll."

"Financial Times Deutschland" (Hamburg):
"Die wichtigste Aufgabe der Bundesregierung ist nun, den Schaden durch Köhlers Coup zu begrenzen, indem sie einen Nachfolger von unbestreitbarem Format auswählt. Dass diese heikle Mission ausgerechnet Angela Merkel und Guido Westerwelle zufällt, ist eine bittere Ironie der Geschichte. Denn diese beiden waren es auch, die im Jahr 2004, damals noch als Oppositionsführer, stärkere und politisch erfahrenere Kandidaten verhindert haben. In Köhlers Rücktritt rächt sich das zentrale Element Merkel'scher Personalpolitik: niemanden neben, über oder direkt unter sich zuzulassen, der ihr auch nur im Entferntesten gefährlich werden könnte. Bei der Auswahl eines Kandidaten oder einer Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten sollte Merkel diesmal radikal andere Kriterien anlegen. Das Land braucht eine Persönlichkeit in Schloss Bellevue, die dem obersten Staatsamt seine Würde zurückgeben kann. Einen Menschen, der von einer breiten Öffentlichkeit verstanden wird, ohne dem Volk bloß nach dem Maul zu reden."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":
"Köhlers Rücktritt trifft die Republik und insbesondere die Bundesregierung sowie deren tragende Säulen CDU, CSU und FDP in einer Zeit der Schwäche: Von der Euro-Krise bis zu den Verwerfungen des Regierungsprogramms und weiter zu den personellen Entscheidungen in Nordrhein-Westfalen und Hessen - nirgends gibt es Stabilität und Sicherheit, überall ist alles so stark im Fluss wie an der Oder. Halten die Deiche, die Schwarz und Gelb um ihre Macht vor gar nicht langer Zeit errichtet zu haben glaubten - wozu auch die Wiederwahl 'ihres' Bundespräsidenten Köhler gehört hatte? Wahrscheinlich ist nur eins: Die Berufspolitiker aller Parteien werden so schnell nicht noch einmal den Versuch mit einem Quereinsteiger im (partei-)politischen, auch parlamentarischen Sinne wagen."

"Tagesspiegel" (Berlin):
"Deutschland erlebt somit eine vierfache Einmaligkeit. Erstens: Nie ist eine Bundesregierung schlechter gestartet und auch nicht besser geworden über die Monate. Das Land wird unter seiner Bedeutung regiert. Zweitens: Nie war Deutschland, an der Spitze seine Kanzlerin, isolierter und schlechter angesehen, was seine Positionen und seine Stellung in Europa betrifft. (...) Drittens: Nie war ein Außenminister und Vizekanzler einflussloser und zugleich unbeliebter. Dazu kommt nun viertens der so noch nie dagewesene Rücktritt eines Bundespräsidenten. Deutschland wirkt destabilisiert - ausgerechnet in der größten Krise seit 60 Jahren (...)."

"tageszeitung" (Berlin):
"Der Rücktritt von Horst Köhler macht plastisch, in was für einem zerrütteten Zustand sich die Regierung befindet. Wenn zum zweiten Mal in der bundesdeutschen Geschichte ein Präsident hinschmeißt, geht es nicht allein um die Frage, ob Köhler die Kritik an seinen Äußerungen zum Krieg unangemessen fand. Denn diese Begründung wirkt allzu beleidigt, sie überzeugt nicht. (...) Wofür also steht dieser Rücktritt? Zunächst drückt sich in ihm Köhlers emotionale, nahezu unpolitische Haltung zum - zumindest nominell - höchsten Amt im Staate aus. (...) Anstatt sich zu positionieren, wirft Köhler hin. Dieser mangelnde Respekt vor dem Amt, um mit Köhler zu sprechen, ist einer der Gründe dafür, dass einen der Rücktritt fassungslos zurücklässt."

"Westdeutsche Zeitung" (Düsseldorf):
"Köhlers Hinwerfen wirkt wie eine kurzfristige, hilflose und beleidigte Reaktion, weil er nach missverständlichen Äußerungen zur Rolle der Bundeswehr massiv in die Kritik geriet. Doch muss das nicht jemand, der Deutschland repräsentieren will, aushalten? Ein Berufspolitiker hätte das weggesteckt. Doch Horst Köhler hat als ehemaliger Beamter und Chef des Internationalen Währungsfonds wenig Erfahrung mit solchen Attacken. Vielleicht ist das die Kehrseite der guten Idee, einen Nicht-Politiker zum Bundespräsidenten zu machen."

"Berliner Morgenpost":
"Köhler hat sich und dem Amt mit seinem Rücktritt keinen Gefallen getan. In dem umstrittenen Interview hatte er begrüßt, dass in Deutschland über den Afghanistan-Einsatz immer wieder auch skeptisch mit Fragezeichen diskutiert wird. Ebenso skeptisch und mit Fragezeichen darf man auch über den Präsidenten und seine Sätze diskutieren. Nicht jede Kritik, oder unterlassene Hilfeleistung seitens der Kanzlerin, bedeutet automatisch mangelnden Respekt. Ein Präsident muss Debatten aushalten, selbst wenn sie mal eine Weile gegen ihn laufen. Zumal der Redner Köhler auch nicht nur mit Wattebäuschen warf, sondern manches rhetorische Monster zum Zwecke des medialen Aufruhrs gebar. Was bleibt, ist das Befremden, mit welcher Leichtigkeit sich der höchste Repräsentant des Landes aus dem Staub macht."

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