EHEC: Chaos um Jagd nach Killer-Keim

Suche nach der Quelle

EHEC: Chaos um Jagd nach Killer-Keim

Sonntagabend hatte man noch geglaubt, die EHEC-Quelle endlich gefunden zu haben. Doch gestern war klar: 23 von 40 Sprossenproben aus dem verdächtigten Biobauernhof Bienenbüttel in Niedersachsen fielen negativ aus. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist somit die Sprosse nicht die Quelle der EHEC-Epidemie. Wieder verlief damit wohl eine heiße Spur im Sand, wieder müssen die Behörden bei null anfangen.

Kritik an deutschem Behörden-Wirrwarr
Es wundert nicht, dass nun die Kritik an dem Krisenmanagement immer lauter wird. Kritiker sprechen von einem Behördenwirrwarr. Eine zentrale Informationsstelle würde fehlen. Landesregierungen, Gesundheitsämter, ­Ernährungs- und Verbraucherschutzministerium würden größtenteils planlos nebeneinander her arbeiten. Und schon einmal hatten sie mit dem Verdacht gegen die spanische Gurke danebengelegen.

Auch das renommierte Robert-Koch-Institut arbeite fehlerhaft: Der Ärztliche Direktor der Berliner Charité, Ulrich Frei, kritisierte, dass aufgrund von Personalmangel lediglich Fragebögen an die Hunderten EHEC-Erkrankten weitergegeben wurden. „Man hätte die Patienten interviewen sollen“, so Frei.

Jetzt bekommt die Bevölkerung so richtig Angst: Sollten die Sprossen tatsächlich nicht die Träger der Krankheit sein, was ist dann die Quelle? Und welches Gemüse kann man jetzt noch ohne Bedenken essen? Die Behörden geben keinen Grund zur Beruhigung. Die Wissenschafter bieten auch keine Lösung. In den Geschäften bleiben viele Obst- und Gemüse­sorten unangetastet in den Regalen liegen.

Trotzdem: Noch wollen die Experten ihren Verdacht gegen den Sprossenproduzenten nicht völlig aufgeben. Der Bauernhof bleibt geschlossen. Auch die Warnung des niedersächsischen Verbraucherschutzministeriums bleibt aufrecht.

Experte: „Vielleicht wird Quelle nie gefunden“
Für den in die Kritik geratenen Biobauernhof völlig unverständlich: „Wir sind erschüttert und besorgt, dass ein Teil unserer Ware durch EHEC-Erreger verunreinigt sein soll“, so das Unternehmen auf seiner Homepage. „Wir betreiben die Produktion seit 25 Jahren und haben immer einwandfreie Ware ausgeliefert.“ Seltsam: Der EHEC-Keim kommt im Darm von Wiederkäuern vor, auf dem betroffenen Bauernhof allerdings wird kein tierischer Dünger verwendet.

Schon am Wochenende hatten die ersten Experten gewarnt: Vielleicht wird es sogar nie gelingen, die Quelle der EHEC-Epidemie zu finden. „Dieses Szenario ist nicht auszuschließen“, erklärte Sozialmediziner Michael Kunze. Auch eine nächste Epidemie wäre dadurch kaum noch zu verhindern.
 

Sprossen-Gefahr bekannt

Bereits vor 15 Jahren waren Sprossen die Aus­löser für eine gefährliche EHEC-Epidemie in Japan. Damals infizierten sich 12.680 Menschen mit dem Erreger. Im Vergleich zum derzeitigen Ausbruch starben allerdings nur verhältnismäßig wenig Patienten an dem Keim. Insgesamt gab es drei Tote.

Fest steht, dass Sprossen beste Voraussetzungen dafür bieten, um Bakterien zu verbreiten. Sie entstehen in 38 Grad warmem Wasserdampf und werden später feucht verpackt – ein idealer Nährboden für EHEC.

Bauern sollen 150 Mio. Euro Entschädigung bekommen
Die wegen der EHEC-Epidemie von Einkommensverlusten betroffenen Bauern in der Europäischen Union sollen eine Entschädigung von insgesamt 150 Millionen Euro erhalten. Das schlug am Dienstag die EU-Kommission in Luxemburg vor. Dort waren die Agrarminister der 27 EU-Staaten zusammengekommen, um über die Folgen der EHEC-Krise zu beraten.
 

Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit: "Situation ist ernüchternd"

ÖSTERREICH: Frau Rendi-Wagner, auch bei den Sprossen wurde bis jetzt kein EHEC gefunden. Warum haben die Deutschen die Situation nicht im Griff?
Pamela Rendi-Wagner: Es ist eine extrem schwierige Situation. Da es noch immer Neuerkrankungen gibt, ist eine transparente Informationspolitik sehr wichtig. Lieber zweimal zu viel gewarnt als einmal zu wenig. Aber für die Deutschen ist die Situa­tion leider ernüchternd.

ÖSTERREICH: Warum hat man bis jetzt die Quelle noch nicht gefunden?
Rendi-Wagner: Tatsache ist, dass 70 bis 80 % aller Lebensmittelausbrüche unaufgedeckt bleiben. Es ist ein extrem schwieriges Unterfangen, die Quelle zu finden, weil sie in vielen Fällen einfach „aufgegessen“ ist und nicht mehr existiert.

ÖSTERREICH: Wie ist man auf den Verdacht gekommen, dass verseuchte Sprossen die Quelle sein könnten?
Rendi-Wagner: 17 Gäste eines Lübecker Restaurants sind erkrankt. Nun hat man die Lieferanten durchgecheckt. Offenbar haben sich alle Indizien auf den Sprossenproduzenten konzentriert. Die Deutschen haben am Sonntag immer darauf hingewiesen, dass es sich nur um Indizien handelt.

ÖSTERREICH: Wie versuchen Sie, die Verunsicherung der Österreicher zu minimieren?
Rendi-Wagner: Es gibt keine einzige Lieferung des deutschen Sprossenproduzenten in Österreich. Außerdem wurden 167 Proben von in- und ausländischem Gemüse und Obst auf EHEC getestet. Davon sind 162 negativ. Auf fünf Ergebnisse warten wir noch.

Autor: (mud)
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