29. März 2010 19:12
Anwalt Jeff Anderson (62) wirkt freundlich: Ruhige Stimme, runde Brillen,
weiße Haare. Der Anwalt aus St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota aber ist
der Mann, der den Stellvertreter des christlichen Gottes auf Erden, Papst
Benedikt XVI., stürzen will: „Ich will den Papst verklagen.”
Andersen ist Sammelkläger, spezialisiert auf sexuelle Übergriffe von
Priestern auf Minderjährige. Tausende Klagen hatte er in der Skandalwelle,
die die katholische US-Kirche im letzten Jahrzehnt überrollte, eingebracht:
Er klagte Priester, Diözesen, Kardinäle. Er erstritt nach eigenen Angaben 60
Millionen Dollar an Entschädigungen für seine Klienten.
Doch der große Wurf gelang dem Staranwalt in der Vorwoche. In den Akten fand
er eine „Rauchende Pistole”, ein vernichtendes Schuldindiz gegen den
Pontifex Maximus: Zwischen 1950 und 1975 hatte der Priester Lawrence Murphy
mindestens 200 taubstumme Buben in einem Heim im US-Staat Wisconsin
missbraucht.
Papst Benedikt war über Missbrauch voll informiert
Der Fall
landete, so die jetzt aufgetauchten Dokumente, Mitte der Neunziger im Büro
des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger, dem damaligen Präfekten der
Glaubenskongregation des Vatikans.
Der heutige Papst war demnach nicht nur vollständig über den Skandal
informiert, sein Büro entschied 1996 auch: Keinerlei Konsequenzen sollte es
gegen Murphy geben, der zwei Jahre später verstarb (siehe auch links). Der
Grund: Der Priester hatte seine Sünden gebeichtet.
„Diese Unterlagen sind ein Wendepunkt”, sagt der Kirchenkläger: Er hofft,
dass die US-Gerichte nun direkte Klagen gegen den Vatikan und Papst Benedikt
zulassen könnten.
Fest steht schon jetzt: Die eindeutige Aktenspur in den Vatikan stürzt die
Katholiken in die schwerste Krise sei Jahrhunderten, so US-Experten.
Anderson kampflustig: „Die Vertuschung sexueller Fehltritte ist derart tief
in der klerikalen Kultur verankert, dass eine wirkliche Änderung nur von der
Vatikan-Führung selbst kommen kann.”
Anderson, ein bekehrter Atheist, treibt an, dass seine eigene Tochter über
sexuelle Übergriffe eines Therapeuten berichtete, als sie acht war. Der Mann
war Ex-Priester. Kritiker werfen dem Anwalt vor, aus Geldgier die Kirche zu
verklagen. „Es geht hier nicht ums Geld”, winkt er ab.
Der Aktenfund bringt den Papst in Bedrängnis
Top-Anwalt Jeff Anderson hob jenen brisanten Briefverkehr zwischen
US-Katholiken und dem Vatikan aus, der jetzt Papst Benedikt ins Trudeln
bringt. Es ist ein Protokoll der Vertuschung: Zuerst erfuhr die Kirche vor
36 Jahren, dass Priester Lawrence Murphy taubstumme Schulkinder
missbrauchte. 1974 wurde Murphy in eine Diözese in Nord-Wisconsin versetzt.
Es kam zu weiteren Übergriffen. Nach der Sex-Skandalwelle in den USA
meldeten sich 36 frühere Murphy-Opfer. US-Kirchenleute schrieben 1996 an
Joseph Ratzinger, dessen Büro zuständig war.
Die Antwort. Acht Monate später, nach dreimaligem Urgieren aus Amerika, kam
die Antwort: Ratzingers Büro teilte dem damaligen Erzbischof von Milwaukee,
Rembert Weakland, mit, dass vor allem einmal absolutes Stillschweigen über
den Fall bewahrt werden sollte. Immerhin sollte ein geheimes, kanonisches
Verfahren gegen Murphy abgehalten werden. Doch der schrieb direkt an
Ratzinger: Er sei „krank”, die Vorwürfe 25 Jahre alt, er habe alles
gebeichtet.
Am Ende entschied der Vatikan, den Murphy-Prozess abzublasen.