27. Februar 2010 15:57
Nie wird sie den Augenblick des Horrors vergessen: Der riesige Wal, der mit
einer Trainerin im Maul durchs Wasser raste, sie so heftig und gewaltsam
herumschleuderte, dass Arme und Kopf wie unter Stromstößen zuckten. Victoria
Biniak wurde Augenzeugin einer Tragödie, die die Welt erschütterte:
Killerwal Tilikum hatte seine Trainerin Dawn Brancheau (40) in einem
Ausbruch an Tötungsinstinkt zerfleischt.
Momente davor stand die Zeugin mit ihrer fünfjährigen Tochter Elise hinter
einer Beckenglaswand – und genoss einen fröhlichen Tag im Marinepark
SeaWorld in Orlando, erzählte sie ÖSTERREICH. Sie bestaunten „Tilly“, wie
der 5,4 Tonnen schwere, 30 Jahre alte Star des Parks liebevoll gerufen wird.
Warnungen ignoriert.
Dabei hatte der Wal eine Vergangenheit
tödlicher Zwischenfälle: 1991 tötete er eine junge Trainerin in einem Park
in Kanada, acht Jahre später einen Verwirrten, der nächtens in Tillys Pool
sprang.
Orcas leiden in Gefangenschaft an Depressionen, so Experten, Tilly galt beim
Personal als „schwierig“ und „unberechenbar“. Doch seine Star-Power füllte
die Tribünen. Dazu ist Tilly ein reger Zuchtbulle, zeugte insgesamt 17
Walkälber. Der Kontakt der Dompteure schien nicht sonderlich eingeschränkt.
Zwar gab es einen schriftlichen „Verhaltenskodex“, so SeaWorld-Boss Jim
Atchinson. Doch vor allem Brancheau, mit 17 Jahren Erfahrung Top-Trainerin
des Teams, verbrachte Stunden im Pool mit Tilly, ist auf Fotos bei allerlei
Akrobatik mit ihm zu sehen.
Protokoll des Grauens.
Der Mittwoch ist ein sonniger Tag, der
Park gut besucht. „Wir warteten bei der großen Mittagsshow vergeblich auf
Tilly“, so Zeugin Biniak: Auch die drei sonst an der Show teilnehmenden
Orcas benahmen sich seltsam, „ignorierten die Befehle der Trainer“.
Tilly ist stattdessen an diesem Tag beim Fütterungsritual. Ein anderer
Besucher hält per Video fest, wie Brancheau Tilly sanft zwischen den Augen
streichelt, ihm zur Belohnung Fische in den Rachen wirft. Artig hebt der
Koloss die Riesenflosse. Sie wackelt mit den Hüften. Der Wal schüttelt den
Kopf. Sie tanzen. Am Videoband sind Kinder zu hören: „Wow, schau wie brav
der ist ...“ Es sind die letzte Momente in Brancheaus Leben.
Als Neunjährige hatte die Tiertrainerin, deren Begräbnis für heute angesetzt
ist, den weltgrößten Marinepark in Orlando besucht. Zu ihrer Mutter sagte
sie damals entschlossen: „Ich will mit Walen arbeiten.“ Sie erfüllte sich
ihren Lebenstraum, die Riesentiere waren „ihre Babys“, so ihre Schwester.
Brancheau war verheiratet, doch kinderlos. Vielleicht vertraute sie dem
Säuger am Ende doch zu sehr.
Wal holt Schwung.
Zeugin Biniak steht in diesem Moment an der
Aquarium-Glaswand im Untergeschoss: „Ich erkannte Tilikum sofort“, erzählt
sie. Sie hört, wie Trainer am Beckenrand ihm zurufen. „Es sah aus, als
sollte Tilly für ein Foto in Position gehen.“ SeaWorld-Mitarbeiter neben ihr
erklären Besuchern die Details ihres sechs Meter langen Aquarium-Stars.
Alles scheint Routine.
Plötzlich holt der Wal Schwung, sein
Riesenkörper schiebt sich aus dem Wasser, zieht sein Opfer am Rossschwanz
ins Wasser. Diskutiert wurde, ob der Wal die baumelnden Haare mit einem
Fisch verwechselte. Biniak erstarrt: „Es war rasch klar, dass er etwas im
Maul hatte“, sagt sie. Im Schock realisiert sie erst ein paar Momente
später: „Es ist ein Mensch, eine der Trainerinnen im Tauchanzug.“ Die 52
messerscharfen Zähne verbeißen sich tief in ihre Hüfte.
Die Zeugin des Grauens hält schnell ihrer Tochter die Augen zu. Blut sei
zwar wenig im Wasser auszumachen gewesen, „doch der Wal schüttelte ihren
Körper gewalttätig“. Es ist roher Tötungstrieb, Tilly schien außer
Kontrolle, so Biniak: „Ich hatte panische Angst, dass er gegen die Scheibe
rast, sie zerbricht und wir alle sterben.“ Sie sieht, wie Helfer hektisch
schwarze Netze ins Becken werfen. Dann heulen die Sirenen los: „Wir mussten
raus aus dem Raum.“
Der Wal wird mit den Netzen in einen Nebenpool dirigiert. Erst nachdem sie
ihn aus dem Wasser hieven, gibt er die leblose Trainerin frei.
Free Tilly?
Nach dem Horror im Freizeitpark tobt die Debatte:
Soll Tilly eingeschläfert werden? Oder freigelassen? Experten bezweifeln,
dass er in freier Wildbahn nach 30 Jahren der Gefangenschaft überleben
könnte. Der Orca Keiko, Star im Filmhit Free Willy, war im Atlantik vor
Island zwar freigesetzt worden. Doch er muss von Helfern gefüttert werden.
Parkboss Atchinson stellte klar: Tilly bleibt der Star der Shows, Trainer
werden jedoch nicht mehr mit den Walen schwimmen. Biniak muss sich nun
besonders um Tochter Elise kümmern: „Sie fragt immer wieder, warum der Wal
dieser lieben Frau wehgetan hat...“