Neue Wikileaks-Enthüllung

© Reuters

"Irak-Krieg an jeder Ecke ein Blutbad"

109.000 Tote, davon weit mehr als 60.000 Zivilisten, 15.000 bisher unbekannte Opfer: Diese Bilanz des Irak-Krieges allein in den Jahren 2004 bis 2009 zieht der Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, Julian Assange. Bei einer Pressekonferenz in London verteidigte er am Samstag die Veröffentlichung Hunderttausender Dokumente der US-Armee, die von den Regierungen in Washington und London scharf verurteilt wurde.

Die gesammelten Dokumente finden Sie hier.

Die Dokumente offenbarten klare Beweise für Kriegsverbrechen, sagte Assange am Samstag in London. Sie seien zudem redaktionell so bearbeitet, dass niemand gefährdet werde. WikiLeaks hatte bereits im Juli 90.000 geheime Dokumente zum Afghanistan-Krieg öffentlich gemacht. Er reagierte damit auf das Hauptargument der Regierung in Washington, die Veröffentlichung gefährde das Leben von US-Soldaten, aber auch Einheimischer. Die USA hatten empört reagiert und dazu aufgefordert, die "gestohlenen Daten" schnellstmöglichst wieder zurückzugeben.

Folterungen und Hinrichtungen
Die Veröffentlichung ist das größte Informationsleck dieser Art in der Geschichte der USA. Die Dokumente stammen aus dem Zeitraum 2003 bis 2009 und wurden einigen Medien zum Teil zehn Wochen vor der Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Deren Berichten zufolge vermitteln die Unterlagen kein völlig neues, aber ein sehr detailliertes Bild über die Vorgänge im Irak sowie über die zivilen Opfer des Krieges. In den Unterlagen finden sich den Presseberichten zufolge auch Belege für die US-Vorwürfe, der Iran unterstütze die Aufständischen im Irak.

Der Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation Iraq Body Count, John Sloboda, sagte, ein großer Teil der Daten stamme aus Berichten von US-Soldaten, die sich als "Datensammler" verdient gemacht hätten. "Es ist gut, dass es die Daten gibt, aber es ist schlecht, dass sie geheim gehalten wurden", betonte er. Die in den Berichten beschriebenen Folterungen und Hinrichtungen seien von den Alliierten nicht verfolgt worden. Sloboda gab die Gesamtzahl der Toten im Irak - anders als WikiLeaks selbst - mit 150.000 an - davon 80 Prozent Zivilisten.

Weitere Enthüllungen angekündigt
Die Dokumente sollen enthüllen, dass im Irak mindestens 15.000 Zivilisten mehr getötet wurden als bisher bekannt. Zusätzlich wurden Berichte über Folter und Erniedrigung veröffentlicht. WikiLeaks zitierte Augenzeugen mit den Worten: "Die einzigen Grenzen, die es gab, waren die Grenzen der Vorstellungskraft." In der Mehrzahl der Fälle gehe es um Taten von Irakern gegen Iraker.

Im Irak wie auch in Afghanistan handle es sich um "moderne, westliche Kriege", sagte Assange. Die Wahrheit bleibe auf der Strecke, "lange bevor der Krieg beginnt und lange nach seinem Ende". Assange kündigte weitere Enthüllungen seiner Plattform an, obwohl die US-Regierung unter Präsident Barack Obama aus seiner Sicht daran arbeite, den Handlungsspielraum mit neuen Gesetzen weiter einzuengen: "Wir machen weiter."

Scharfe Kritik von Clinton
Die Veröffentlichung zeige die "Wahrheit", sagte er. "Der Irak-Krieg war an jeder Ecke ein Blutbad." Die jetzt öffentlich gemachten Dokumente zeigten lediglich ein umfassendes Bild aus dem Blickwinkel der US-Armee. Die Verwicklung von Geheimdiensten oder anderen nicht offiziellen Organisationen sei dabei nicht berücksichtigt.

US-Außenministerin Hillary Clinton kritisierte die Enthüllungen scharf. Es sei zu verurteilen, wenn durch solche Veröffentlichungen das Leben von Soldaten und Zivilisten aus den USA und seinen Partnerländern gefährdet werde. Washington forderte WikiLeaks auf, die Protokolle von seiner Website zu entfernen.

Untersuchung gefordert
Nach Ansicht des irakischen Ministeriums für Menschenrechte enthält das Material "keine Überraschungen". "Wir haben bereits auf mehrere dieser erwähnten Fakten hingewiesen", sagte ein Ministeriumssprecher. Dazu zählten auch sämtliche Vorfälle, in die US-Streitkräfte verwickelt gewesen seien. Zum dokumentierten Verhalten der irakischen Sicherheitskräfte wollte er sich hingegen nicht äußern.

Amnesty International und der UNO-Sonderberichterstatter für Folter, Manfred Nowak, forderten die USA unterdessen auf, die Übergriffe in irakischen Gefängnissen zu untersuchen.
 

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