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Isländer verlassen die sinkende Insel

Massen-Auswanderung

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Isländer verlassen die sinkende Insel

Das für Samstag in Island geplante Referendum über ein Gesetz zur Rückzahlung von 3,9 Milliarden Euro an die Regierungen in London und Den Haag für die Auszahlung von Guthaben auf geplatzten Konten der isländischen Landsbanki ("Icesave-Konten") wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit scheitern. Nur wenige der 320.000 Einwohner der Insel verstehen, warum die Bevölkerung eineinhalb Jahrzehnte dafür schuften soll, dass eine Gruppe Finanzjongleure das Bankensystem zum Zusammenbruch gebracht hat und Hunderttausende Zinsschnäppchen-Jäger im Ausland auf deren Geldvermehrungs-Köder hereingefallen sind.

Kredite über 3,51 Mrd. Euro
Die Regierung und das Establishment in Island sind dagegen bemüht, zu retten, was zu retten ist. Islands Finanzen hängen seit November 2008 am Tropf des Internationalen Währungsfonds (IWF) und einiger individueller Staaten. Insgesamt wurden der Nordatlantik-Insel, die ihr Einkommen großteils aus Fischfang und Tourismus sowie seit einigen Jahrzehnten auch aus der Aluminiumindustrie bestreitet, Kredite in der Höhe von 4,75 Mrd. US-Dollar (3,51 Mrd. Euro) gewährt.

Nach dem Veto von Staatspräsident Olafur Ragnar Grimsson gegen das Icesave-Rückzahlungs-Gesetz legte der IWF im Jänner die Auszahlung der nächsten Kreditrate auf Eis. Wegen der Unsicherheit im Hinblick auf die in ihrer Gesamthöhe noch immer nicht absehbaren Schulden im Ausland und deren Rückzahlungsmodalitäten ist der Ruf Islands als Kreditnehmer generell schwer angeschlagen.

Drohende Staatspleite
Wie desperat die Situation in Island tatsächlich ist, lässt sich anhand einiger Indizien charakterisieren. Vor gut einer Woche gelangte über das Enthüllungsportal "Wikileaks" ein geheimes Protokoll der US-Vertretung in Reykjavik an die Öffentlichkeit. Geschäftsträger Sam Watson berichtet darin nach Washington, wie er von zwei Vertretern des isländischen Außenamtes um Hilfe angefleht wurde - unter Hinweis auf eine drohende Staatspleite im Jahr 2011.

In den Icesave-Gesprächen in London bedienten sich die isländischen Verhandler ebenfalls des Arguments einer drohenden Zahlungsunfähigkeit, falls die Regierungen Großbritanniens und der Niederlande Reykjavik nicht weiter entgegen kämen. Das Problem ist, dass die aushaftenden 3,9 Mrd. Euro aus den Icesave-Konten nur der kleinere Teil des Schuldeneisberges sein dürften. Bereits jetzt sind zahlreiche Verfahren über Schulden der anderen größeren isländischen Pleitebanken - Kaupthing, Glitnir, Spron, Straumur - international anhängig. Eine seriöse Schätzung der Gesamtsumme ist nach Ansicht von Wirtschaftsexperten derzeit nicht möglich.

Bevölkerung schrumpft
Der Zeitung "Morgunbladid" zufolge erlebt Island die größte Auswanderungswelle seit dem späten 19. Jahrhundert. Nach statistischen Angaben schrumpfte die Bevölkerung durch Netto-Emigration im vergangenen Jahr um 4.800 Menschen - das sind immerhin rund 1,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dabei handelt es sich neben den in den Boomjahren aus Osteuropa zugewanderten Arbeitern vor allem um gut ausgebildete, junge Isländer, die für sich und ihre verschuldeten Familien keine Zukunft mehr im eigenen Land sehen.

Die Isländische Krone gilt nach Meinung mancher Währungsexperten trotz Stabilisierung infolge diverser Restriktionen nach dem Finanzcrash als international konvertible Währung als praktisch tot. Bereits lange vor der Finanzkrise rasselte ihr Kurs angesichts des absehbaren Platzens der Finanzblase in den Keller.

Antrag auf EU-Mitgliedschaft
Die isländische Wirtschaft forderte schon vor Jahren die Einführung des Euro. Dies wiederum ist - zumindest in regelgerechter Form - nur durch den Beitritt zur Europäischen Union möglich. Im Sommer 2009 stellte Island nach Jahrzehnten innenpolitischer Unvereinbarkeiten den Antrag auf die EU-Mitgliedschaft. Vergangene Woche empfahl die Kommission in Brüssel dem EU-Rat die Aufnahme von Verhandlungen mit Reykjavik.

Im Licht der jüngsten Schwierigkeiten mit den Briten und den Niederländern, den generellen Aussichten der isländischen Wirtschaft, einigen institutionellen und verfassungsrechtlichen Unschärfen sowie dem Wiedererstarken der EU-Skeptiker auf der Nordatlantikinsel scheint die EU-Mitgliedschaft wieder in die Ferne zu rücken. Von dem anvisierten Beitritt im Jahr 2011 ist inoffiziell keine Rede mehr. Informierte Kreise auf Island gehen von einem möglichen Beitritt in drei bis fünf Jahren aus.

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