Karadzic-Prozess erneut vertagt

Verzögerungs-Taktik

Karadzic-Prozess erneut vertagt

Der Völkermordprozess gegen den ehemaligen bosnischen Serben-Führer Radovan Karadzic vor dem Haager UNO-Tribunal ist erneut für unbestimmte Zeit unterbrochen worden. Der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon gab am Dienstag einem Antrag des Angeklagten statt, mehr Zeit für die Vorbereitung auf die Anhörung von Zeugen der Staatsanwaltschaft zu bekommen.

Richter drückt Bedauern aus
Damit sollte eigentlich am Mittwoch begonnen werden. Der Richter ordnete jedoch an, dass zunächst die Entscheidung der Berufungskammer über den Antrag von Karadzic abzuwarten sei. Er hoffe, dass diese bald vorliegen werde. O-Gon Kwon drückte den Zeugen sein Bedauern aus, die bereits aus Bosnien-Herzegowina nach Den Haag gereist waren und nun wohl wieder zurückkehren müssten.

Der Prozess gegen den Ex-Präsidenten der Republika Srpska, der am 26. Oktober 2009 mehr als ein Jahr nach seiner Festnahme begann, ist immer wieder durch Verfahrensanträge Karadzic' hinausgezögert worden. Die Eröffnung der Hauptverhandlung mit der Verlesung der Anklage hatte Karadzic boykottiert. Auch jetzt hatte er wieder mit einem Boykott gedroht, falls die Zeugenvernehmung trotz eines Antrag auf Verschiebung sogleich beginnen sollte.

Verteidigung fortgesetzt
Zuvor hatte der frühere Führer der bosnischen Serben seine Verteidigung vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal fortgesetzt. Karadzic äußerte sich am Dienstag in Den Haag weiter zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen und wies wie schon am Montag erneut alle Schuld am Bosnien-Krieg von sich. Karadzic machte erneut geltend, dass Gewalttaten serbischer Milizen und Soldaten gegen Muslime (Bosniaken) und Kroaten lediglich der Verteidigung einer bedrohten serbischen Bevölkerung dienten.

"Gerechter und heiliger Kampf"
Am Montag hatte Karadzic nach einer mehrmonatigen Verzögerung seines Verfahrens erstmals zur Anklage wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in elf Fällen Stellung genommen. Dabei erklärte er, die Serben hätten während des Bosnien-Krieges (1992-95) einen "gerechten und heiligen Kampf" geführt, um ihre Vertreibung durch die bosnischen Muslime und Kroaten zu verhindern.

Karadzic wird unter anderem vorgeworfen, wesentliche Verantwortung für das Massaker von Srebrenica zu tragen, bei dem etwa 8.000 Muslime von serbischen Truppen ermordet wurden. Ein weiterer Anklagepunkt bezieht sich auch auf die fast zweijährige Belagerung von Sarajevo, während der rund 10.000 Menschen ums Leben kamen.

Zeige keinerlei Reue
Die Äußerungen Karadzics lösten Empörung bei Angehörigen von Opferverbänden wie der Gruppe "Mütter von Srebrenica" aus, die vor dem Gerichtsgebäude in Den Haag protestierten. Als einer der Hauptverantwortlichen für den Tod von etwa 100.000 Menschen während des Bosnien-Krieges sei Karadzic nicht einmal bereit, die Opfer zu bedauern und zeige keinerlei Reue, erklärten Sprecher. Die deutsche Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) erklärte, Karadzic versuche den Völkermord an bosnischen Muslimen als "Selbstverteidigung" herunterzuspielen.

Am Mittwoch soll der Prozess, in dem Karadzic eine lebenslange Haftstrafe droht, mit den ersten Vernehmungen von Zeugen der Staatsanwaltschaft fortgesetzt werden. Der Angeklagte, der sich weiterhin selbst verteidigt, hat bisher vergeblich eine Verschiebung der Zeugenanhörung verlangt. Zur Begründung erklärte er einmal mehr, er habe nicht genügend Zeit zur Vorbereitung gehabt. Es sei daher nicht sicher, ob Karadzic am Mittwoch vor dem Tribunal erscheinen und sich an einem Kreuzverhör von Zeugen beteiligen werde, erklärte dessen US-amerikanischer Rechtsberater Peter Robinson. Karadzic war im Juli 2008 nach 13 Jahren auf der Flucht in Belgrad gefasst worden.

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