Kreml-Kritiker hatte Angst um sein Leben

Boris Nemzow

Kreml-Kritiker hatte Angst um sein Leben

Der russische Oppositionspolitiker und frühere Vizeregierungschef Boris Nemzow ist am Freitagabend in Moskau in der Nähe des Kremls erschossen worden. Das teilte die oberste russische Ermittlungsbehörde am Freitagabend mit. Der 55-Jährige galt als eine der schillerndsten Persönlichkeiten der russischen Opposition und war einer der schärfsten Kritiker von Russlands Präsident Wladimir Putin.

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Kreml-Kritiker Nemzow fühlte sich bedroht
Der ermordete Kreml-Kritiker Boris Nemzow hat sich wegen seines Einsatzes gegen die russische Regierung bedroht gefühlt. Vor allem seine Mutter mache sich große Sorgen um seine Sicherheit, sagte Nemzow vor zwei Wochen in einem Gespräch mit der Wochenzeitung "Sobesednik".

"Immer wenn ich sie anrufe, fragt sie mich: 'Wann wirst du aufhören, (Russlands Präsidenten Wladimir) Putin zu kritisieren? Er wird dich töten.'" Auf die Frage, ob er um sein Leben fürchte, antwortete Nemzow: "Ja, ein bisschen." Die Angst vor der Rache des russischen Präsidenten sei aber nicht so groß, dass sie ihn davon abhalten könne, weiter gegen die Regierung zu kämpfen. "Ich hoffe, dass trotz allem der gesunde Menschenverstand obsiegt und Putin Sie nicht töten wird", scherzte der "Sobesednik"-Journalist. "So Gott will. Ich hoffe es auch", antwortete Nemzow.

Fluchtauto der Täter gefunden
Nach dem Mord an dem russischen Oppositionsführer Boris Nemzow haben Ermittler Fernsehberichten zufolge möglicherweise das Fluchtauto der Täter gefunden. Der TV-Sender Rossija 24 zeigte das weiße Fahrzeug mit einem Nummernschild der russischen Teilrepublik Inguschetien, die im islamisch geprägten Konfliktgebiet Nordkaukasus liegt. Von den Tätern fehlte demnach allerdings jede Spur.

Zuletzt hatten Ermittler als einen von mehreren Ermittlungsansätzen auch einen islamistischen Hintergrund für den Mord nicht ausgeschlossen. Nach Darstellung der obersten Ermittlungsbehörde in Moskau hatte es gegen Nemzow Drohungen gegeben, nachdem der Politiker sich im Zuge des Anschlags auf das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" solidarisch mit den Franzosen gezeigt hatte.

Nach einer großen Trauerkundgebung im Zentrum von Moskau am morgigen Sonntag soll der Sarg mit dem Leichnam Politikers im Sacharow-Menschenrechtszentrum aufgebahrt werden. Dort sollen die Menschen nach russisch-orthodoxem Brauch am Dienstag Abschied nehmen können von dem früheren Vize-Regierungschef. Anschließend ist die Beisetzung auf dem Moskauer Prominentenfriedhof

"Auftragsmord"
Putin wurde umgehend über die Bluttat im Herzen Moskaus informiert, wie sein Sprecher Dmitri Peskow mitteilte. Putin habe Sonderermittler mit der Aufklärung des Verbrechens beauftragt. Die Tat deute "auf einen Auftragsmord hin", sagte Putin nach Angaben seines Sprechers Dmitri Peskow. Es habe sich um einen "brutalen Mord" und eine "große Provokation" gehandelt.

Auch Ermittler gingen von einem Auftragsmord aus. Der charismatische Politiker Nemzow galt als glühender Unterstützer der proeuropäischen ukrainischen Führung in Kiew.

Nemzow sei mit einer jungen Frau über eine Brücke nahe des Kreml gelaufen, als ihm vier Kugeln in den Rücken geschossen worden seien, sagte eine Sprecherin des Innenministeriums dem Sender Rossia 24. Die Kugeln hätten ihn getötet. Mehrere Zeugen hätten die Tat beobachtet, berichtete die Nachrichtenagentur RIA Nowosti unter Berufung auf die Polizei. Bei der jungen Frau soll es sich um eine Bekannte Nemzows aus der Ukraine handeln.

"Laut vorläufigen Informationen hat ein noch nicht identifizierter Täter aus einem Wagen heraus mindestens sieben bis acht Mal auf Nemzow geschossen, als dieser über die Große Steinerne Brücke lief", erklärte die Staatsanwaltschaft am Samstag in der Früh. Es seien "erfahrene" Ermittler auf das Verbrechen angesetzt worden

Die Lage in Russland ist im Zuge der Ukraine-Krise gespannt. Nemzow hatte den Krieg in dem Nachbarland scharf kritisiert - als russische Aggression. In einem eindringlichen Appell hatte er den Einsatz von russischen Soldaten in der Ostukraine - ohne Erkennungszeichen an den Uniformen - als "illegal" kritisiert. Der Oppositionspolitiker beschimpfte Putin als "Lügner".

Regierungskritische Medien hatten im vorigen Jahr von breit angelegter Vertuschung in Russland berichtet: Wer als russischer Soldat im Ukraine-Konflikt in Gefangenschaft gerate, werde rückwirkend aus den Streitkräften entlassen. Bei Todesfällen würden Sterbeurkunden manipuliert und Krankheiten als Ursache genannt. Der Kreml hatte dies zurückgewiesen.

Die Opposition will an diesem Sonntag ihre erste große Demonstration dieses Jahres gegen die Politik von Putin organisieren. Die Agentur Interfax berichtete unter Berufung auf Ermittler, der Mord an Nemzow könne eine gezielte Provokation sein vor der Aktion der Regierungskritiker - so wie auch Putin dies angedeutet hatte.

"Ich kann es nicht glauben. Was ist aus Russland geworden? Die Aggression wächst", sagte der frühere Regierungschef Michail Kasjanow im kremlkritischen Radiosender Echo Moskwy. Kasjanow sprach von einer "Tragödie". Viele Wegbegleiter von Nemzow sprachen mit zitternder Stimme von einem großen Verlust für liberal denkende Menschen im größten Land der Erde.
 

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