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L'Aquila: Nachtwache für Erdbebenopfer

Ein Jahr danach

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L'Aquila: Nachtwache für Erdbebenopfer

Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben hat die italienische Stadt L'Aquila mit einer bewegenden Nachtwache der Opfer der Naturkatastrophe gedacht. Es war 3.32 Uhr, als die Erdstöße 308 Menschen in der mittelitalienischen Region in den Tod rissen. Mehr als 1.600 Menschen wurden verletzt, Zehntausende verloren ihre Wohnungen und Häuser. Das Beben hatte eine Stärke von 6,3. Um 3.32 versammelten sich in der Nacht zum Dienstag etwa 25.000 Menschen auf dem Domplatz der Regionalhauptstadt der Abruzzen zu einer Schweigeminute.     

Wo vor einem Jahr Schreie durch die Nacht hallten, wurden nun die Namen der Toten vorgelesen. Mit Kerzen in den Händen harrten viele Einwohner von L'Aquila stundenlang auf der historischen "Piazza Duomo" aus. Am Montagabend hatte sich der Stadtrat in einer Kirche zu einer Andacht versammelt. Hunderte von Bürgern nahmen im Gotteshaus und davor an der Versammlung teil.

90 Prozent der Gebäude zerstört
"Ich werde mich immer an diese dramatischen Tage erinnern, den Stolz der Aquilaner und die Großzügigkeit der Helfer", erinnerte der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi am Dienstag an das Beben. Berlusconi war nach der Katastrophe durch rasche Organisation zunächst als eine Art "Vater der Nation" gefeiert worden. In wenigen Monaten hatte seine Regierung zahlreiche neue Häuser gebaut, um die Obdachlosen aus den Zelten zu holen. Heute sehen das viele kritisch.

Wie auch die ehemaligen Bewohner des nahe gelegenen Onna, das bei dem Erdbeben am schlimmsten zerstört wurde, wollen die Aquilaner nur eines: Zurück nach Hause, zurück in ihre Stadt. Zehntausende Menschen lebten monatelang in Zeltlagern. Die Gegend in und um die mittelalterliche Stadt wurde zerstört und verwüstet. In Onna östlich von L'Aquila wurden in der Nacht auf 6. April 90 Prozent der Gebäude dem Erdboden gleichgemacht, 41 der 280 Einwohner starben. In der gesamten Region sind nach Angaben der Regierung bis heute mehr als 50.000 Menschen noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Zehntausende sind weiter in Notunterkünften, Pensionen und Militärkasernen untergebracht.

"Beispielloster Tatendrang"
So wundert es wenig, dass die Reden der offiziellen Vertreter der Stadt in der Nacht vielfach durch Pfiffe unterbrochen wurden, besonders als eine Grußbotschaft von Berlusconi vorgelesen wurde. Beifall erntete ein Schreiben von Giorgio Napolitano, in dem der Staatspräsident "den beispiellosen Tatendrang und die Großzügigkeit" beim Wiederaufbau der Stadt lobte. L'Aquilas Bürgermeister Massimo Cialente dankte "allen, die uns hier so tatkräftig unterstützt haben".

Seit Wochen demonstrieren die Aquilaner jedes Wochenende für den Wiederaufbau ihrer Stadt. Noch heute, ein Jahr nach dem Beben, gleicht die Regionalhauptstadt einer Geisterstadt. "Carriole", Scheibtruhe, nennen sich die Demonstranten, die sich jedes Wochenende aufs Neue Zugang zur Altstadt verschaffen, um mit bloßen Händen die Trümmer beiseitezuschaffen. Bei 4,5 Millionen Kubikmetern Geröll dürfte die Aufräumarbeit lange dauern.

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