Karl Wendl aus Libyen

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In Gaddafis Tunnel-System

Gaddafi hatte ein ausgeklügeltes, geheimes Tunnelsystem – Dutzende Kilometer lang, tief unter der Erde, bombensicher. Ich war in den Geheimgängen des Diktators.
 
Hier ist der Beweis: Direkt vor dem Hauptgebäude Gaddafis geheimnisumwitterten  Komplexes Bab al-Asisija öffnen die Rebellen einen schweren Eisendeckel. Es ist der Einstieg in das unterirdische Reich des Diktators – ausgeklügelt, kilometerlang, bombensicher. Über eine grüne Leiter steige ich in das enge Loch. Sechs Meter geht es hinab, dann stehe ich in einem weiß-getünchten Stahlbeton-Kanal. Zwei Meter hoch, zweieinhalb Meter breit. An den Wänden rote Streifen als Orientierunghilfe. Es ist stockdunkel, ich nehme meine Taschenlampe, marschiere mit zwei jungen Rebellen los. Sie führen mich durch das Labyrinth, das Dutzende Kilometer lang sein soll. Es ist angenehm kühl, die Luft ist nicht stickig, das Lüftungssystem funktioniert also noch. Wir gehen rund 200 Meter, dann eine schwere Metallschleuse. Sie ist offen. Von der Schleuse führen vier Seitenstränge weg. Ich wähle den rechten.

Dieser Kanal führt zu Gaddafis Haus, sagen die Rebellen. Zwei Männer können bequem nebeneinander gehen. Die Wände sind aus dickem Stahlbeton. Die Rebellen schreien: „Allah u akbar“. Es hallt. Dann die nächste Schleuse.

Rotgestrichener Stahl, dahinter ein Raum. Vermutlich ein Schlafzimmer für Wachpersonal. Stockbetten, Kühlschränke, kleine Nachtkästchen. Monitore, Waffenschränke. Sie sind leer. Nur einige Gasmasken liegen noch herum. Am Ende des Ganges entdecke ich im schwachen Taschenlampenlicht einen grünen Golfwagen. Damit düste der Diktator also durch seine geheimen Gänge. Von Bab al-Asisija aus konnte der Diktator praktisch jeden Punkt in Tripolis erreichen. Nur so ist es zu erklären, dass Gaddafi ständig irgendwo in der Stadt auftauchte und ihn nie jemand ankommen sah. Ein Tunnel führt direkt von der Residenz in die Bunker unter dem Zentralkrankenhaus. Hierhin flüchtete Gaddafi stets, wenn die NATO bombardierte. Fünf Kilometer ist der Weg bis zum Spital. Zu weit.

Die Rebellen führen mich in Gaddafis-Privatresidenz. Zuerst wieder eine Schleuse, dann eine Betontreppe. Drei Stockwerke führt sie hinauf, dann stehe ich in der Küche der Gaddafis. Supermodern, Ausmaße wie in einem Edelrestaurant. Die Küche, ein Nebenhaus, und der Pool – nur das blieb vom Haus übrig. Der Rest ist völlig ausgebrannt. Im Schutt liegen Bilderrahmen. Fotos. Gaddafi mit seiner Tochter Aisha, auf dem zweiten mit seiner Adoptivtochter Hanna. Aisha hat er wie eine Prinzessin verehrt. Hanna hat jahrzehntelang verschwiegen, sogar für tot erklären lassen. Die zwei Gesichter des Diktators.
 

Karl Wendls Libyen-Tagebuch:

"Schießerei zur Begrüßung"

Nun gelten in meinem Hotel in Tripolis neue Spielregeln: Sicherheitsschleusen wie am Flughafen. Leibesvisitation beim Eingang, bullige Wachbeamte im Foyer. Grund: Minister der neuen Übergangsregierung sind aus Bengasi im „Corinthia“ eingetroffen, haben hier ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Unter ihnen Justizminister Mohamed Alagy, ein Ex-Anwalt. Klein, schmächtig, Jeans, grünes T-Shirt,  Baseballkappe. Zur „Begrüßung“ der neuen Machthaber wurde das Hotel gleich von Heckenschützen beschossen. Securities feuerten zurück. Nach 20 Minuten war der Feuerzauber vorbei, niemand verletzt: „Wir haben die Stadt unter Kontrolle“, lächelte der Minister, während es draußen krachte. Nach sechs Monaten Krieg hat man halt einen anderen Reizpegel.

Ich sprach den Minister  auf Gaddafi an: “Wo ist er?“. Fast schien es, als würde ihn die Frage nerven: „Wir kümmern uns nicht mehr um ihn. Wir werden ihn verhaften, vor Gericht stellen - irgendwann“.

Tatsächlich gibt’s Wichtigeres zu tun in Tripolis. Ständiger Stromausfall. Niemand arbeitet. Der Müll türmt sich. Die Menschen brauchen Jobs. Die Geschäfte sind zu. Praktisch jeder hat eine Waffe und alle ballern damit herum. Meist sind es „Freudensalven“, die in den Himmel geschossen werden. Knatternd mit Kalaschnikows, oder dumpf dröhnend mit 24-Millimeter Luftabwehrkanonen. Wirklich gekämpft wird in Tripolis aber kaum mehr. „Zwischendurch-Ruhe“ nennt das Ahmed, ein ehemaliger Bankbeamter, der gestern mein Fahrer (80 Dollar pro Tag) war. Er ist 43, hat zwei Kinder, verdiente 1200.- Dollar pro Monat: „Meine große Angst ist“, fürchtet er, „daß all jene Kids, die jetzt Waffen durch die Stadt schleppen, nie mehr unter Kontrolle gebracht werden können“.  Seine Angst ist berechtigt. Aber:  Auch er hat sechs Kalaschnikows zu Hause. Und zwei Pistolen. „Ob er die jemals wieder abgeben wird?“, frage ich.  „Nein“,  antwortet er: „Eine Waffe gehört hier zu jedem Haushalt“. Wie bei uns der Mixer….

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