29. März 2010 17:39
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich offen für türkische
Schulen in Deutschland gezeigt. "Wenn Deutschland Auslandsschulen in anderen
Ländern hat, zum Beispiel in der Türkei, (...), dann kann es natürlich auch
die Türkei sein, die Schulen in Deutschland hat", sagte Merkel am Montag in
Ankara nach einem Gespräch mit dem türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip
Erdogan. Dies dürfe aber nicht zu einer Ausrede für in Deutschland lebende
Türken führen, nicht die deutsche Sprache zu lernen, fügte die CDU-Chefin
hinzu.
Das Stichwort Bilingualität
Zuvor hatte Erdogan türkische
Gymnasien in Deutschland gefordert. Er sagte, in der Türkei gebe es Schulen,
die die Unterrichtssprache Deutsch hätten. Er hoffe und wünsche, dass es von
deutscher Seite ähnliche Schritte geben werde. Er habe von der Kanzlerin
gehört, dass man in diese Richtung gehen wolle, was ihn sehr freue.
Merkel wies darauf hin, es gebe bereits heute eine Vielzahl
deutsch-türkischer Schulen in Deutschland und türkische Lehrer, die die
türkische Sprache unterrichteten. Ihr gehe es darum, dass man nicht in
Deutschland leben sollte, ohne die deutsche Sprache zu können. Es gehe um
Bilingualität. Das heiße, dass beide Sprachen erlernt werden sollten.
Wurzeln und Glauben behalten
Dies sei die Voraussetzung für gute
Integration, fügte Merkel hinzu. Sie betonte zugleich, es gehe nicht um
Assimilation. Jeder solle seine Wurzeln und seinen Glauben behalten. Aber
man wolle erreichen, dass die Menschen, die in der dritten oder vierten
Generation in Deutschland lebten, die Chance hätten, Lehrer, Polizist oder
Wissenschaftler zu werden.
Die Kanzlerin betonte, in der Frage einer EU-Vollmitgliedschaft der Türkei
gebe es divergierende Auffassungen. Die Beitrittsverhandlungen würden zwar
fortgesetzt. Aber die Zypernfrage sei noch ungeklärt. Darüber müsse man noch
einmal reden, um zu einer Lösung zu kommen. Erdogan lobte die tief
verwurzelten deutsch-türkischen Beziehungen als vorbildhaft für andere
EU-Mitgliedsstaaten. Merkel strebt eine "privilegierte Partnerschaft" der EU
mit der Türkei an. Dagegen will die Türkei einen Beitritt. "Wir führen
bereits die Verhandlungen, und zwar auf Vollmitgliedschaft. Für uns gibt es
dazu keine Alternative", hatte Erdogan zuvor gesagt.
Streit um EU-Mitgliedschaft
Merkel war am Montag zu einem
zweitägigen Besuch in die Türkei gestartet. Zuletzt hatte sie das Land vor
vier Jahren besucht. Neben den Gesprächen mit türkischen Politikern war in
Ankara eine Kranzniederlegung am Atatürk-Mausoleum vorgesehen. Am Dienstag
will Merkel in Istanbul die Hagia Sophia und die Blaue Moschee besuchen.
Außerdem kommt sie mit Vertretern deutscher Kirchengemeinden und der
Wirtschaft zusammen. Die Kanzlerin wird von einer Wirtschaftsdelegation,
Abgeordneten der Bundestagsfraktionen und der Integrationsbeauftragten Maria
Böhmer begleitet.
Vor dem Hintergrund von Merkels Türkei-Reise flammte der Streit über eine
EU-Mitgliedschaft des Landes wieder auf. Neben den Grünen warb auch der
Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU),
für einen EU-Beitritt der Türkei. Polenz sagte dem "Tagesspiegel": "Es wäre
besser, die Türkei in der Europäischen Union zu haben - aber nur eine
Türkei, die die EU-Kriterien erfüllt, nicht nur nach Buchstaben, sondern in
Wort und Tat."
Grünen-Chefin Claudia Roth forderte Merkel ebenso auf, sich für einen
EU-Beitritt der Türkei einzusetzen. Im Südwestrundfunk (SWR) sagte Roth, das
Angebot Merkels einer sogenannten privilegierten Partnerschaft sei ein
Fehler. Letztlich bleibe es hinter dem schon Erreichten zurück. Altkanzler
Kohl habe dem Land dagegen immer eine Beitrittsperspektive offen gehalten.