Missbrauchsaffäre Kremsmünster- Neue Diagnose

Systemversagen

Missbrauchsaffäre Kremsmünster- Neue Diagnose

Das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) entschuldigt die über Jahrzehnte reichenden Missbrauchsfälle im Stift Kremsmünster mit dem Begriff „Systemversagen“.

Eltern und Polizei haben weggesehen
Im Kloster soll es an Kommunikation, pädagogischer Ausbildung und sexueller Reife gefehlt haben. Eltern und die Polizei sollen teilweise auch die Schuld tragen, da sie dem zu wenig Beachtung schenkten.

Misshandlungsfälle nach 1950
Im Mittelpunkt der IPP-Studie steht die Aufarbeitung der Missbrauchs- und Misshandlungsfälle im Stift nach 1950, wobei man den Schwerpunkt auf die Jahre 1970 und 1990 legt. Insgesamt sind 302 Berichte über insgesamt 350 Vorfälle sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt zusammengekommen. Diese stammen ursprünglich von 94 Zeugen bzw. Opfern, wobei davon 24 Personen beschuldigt werden, darunter auch 20 Patres.

Ein Drittel handelt über sexuelle Übergriffe
Ein Drittel der Berichte handeln über sexuelle Übergriffe. Die Hälfte dieser gehe über Grenzverletzungen wie innige Umarmungen oder Küsse hinaus. Sie seien als "Missbrauch mit direkten Manipulationen an den Geschlechtsorganen, einschließlich dem vollzogenem Beischlaf" zu werten.

42 Prozent der Präfekten beschuldigt
In den Jahren von 1945 bis 1989 waren im Internat nur Ordensangehörige als Präfekten beschäftigt, wobei 42 Prozent von ihnen zählen zu den Beschuldigten zählen. Die Präfekten wurden “von oben herab“ bestimmt, ohne die nötigen pädagogischen Qualifikationen zu besitzen. Daher waren sie oft überfordert und litten an Verlust ihrer Privatsphäre. Viele Präfekten waren selbst in Kremsmünster zur Schule gegangen und gaben die erlebte Erziehungstradition einfach weiter.

Leistungsdruck
Wesentliche Ziele des Internats waren Anpassung an die vorgegebene Ordnung, Disziplin, Gehorsam, Ausdauer, Fleiß, Respekt, Leistungs- und Unterordnungsbereitschaft. Präfekten mussten dafür Sorge tragen, dass die Abteilungen zu funktionieren haben. Supervision oder Teambesprechungen über anstehende Probleme gab es dabei aber nicht.

Mönche auf dem Niveau von 14-Jährigen
Eine weitere Schwierigkeit stellte auch die Unwissenheit der Patres in Sachen Sexualität dar: Die Mönche seien laut der Studie selbst auf dem Niveau von 14-Jährigen gewesen.

Kreis des Schweigens
Warum die Aufdeckung so lange gedauert hat, illustrieren die Experten mit "Kreisen des Schweigens": Schüler erzählten nichts, weil sie ihre Eltern nicht belasten wollten, aus Scham, Angst oder Verwirrung. Eltern waren zu wenig sensibel, hatten Angst um die heile Familienwelt und konnten sich schlicht nicht vorstellen, dass die honorigen Patres etwas Böses tun würden. Die Mönche wiederum vertrauten einfach auf die kirchliche Hierarchie. Hinzu kommt eine gewisse Elite-Mentalität im Stiftsgymnasium, nach dem Motto "Wer es geschafft hat, gehört zu den Gewinnern". In einigen Interviews wurde der Verdacht geäußert, dass Alt-Kremsmünsterer Netzwerke im Sicherheitsapparat Aufdeckungen verhindert hätten. In der Studie wird bekannt, dass 2008 bereits einmal ein Verfahren gegen den mittlerweile zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilten Pater eingestellt wurde.

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