Besucher berichtet

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"Neben mir ist ein Mädchen gestorben"

Die Loveparade in Duisburg war die dritte im Ruhrgebiet und geht als bisher traurigste der insgesamt 19 Paraden in die Geschichte ein. 19 Menschen starben, viele davon zu Tode getrampelt und erdrückt in einer Massenpanik. 342 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Augenzeugen berichten von erschütternden Szenen.

Über 1,4 Millionen Technofans sind in der Hoffnung auf eine fröhliche und ausgelassene Musikparty nach Duisburg gekommen. Viele von ihnen tanzen auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs um die 15 Floats (riesige Wagen), als sich am frühen Samstagabend der einzige Zugang zur Party in einen tödlichen Hexenkessel verwandelt.

Kaum Luft zum Atmen
Gegen 17.30 Uhr hatte Loveparade-Geschäftsführer Rainer Schaller noch stolz die große Besucherzahl verkündet. Doch schon um 17.34 Uhr berichtet die Polizei von der Schließung des Veranstaltungsgeländes wegen Überfüllung.

Die gesamte Duisburger Innenstadt ist von jungen Musikfans belagert, Tausende wollen noch zur Abschlusskundgebung der Loveparade, drängen von hinten in den rund 100 Meter langen und 16 Meter breiten Tunnel, obwohl vorne schon niemand mehr wegkommt. Es ist heiß, stickig, kaum Luft zum Atmen. Die ersten Menschen kippen um, geraten unter die Füße der Masse. Nach Angaben von Stadtverwaltung und Polizei waren eine ganze Reihe von Fans auf die schmale Treppe geklettert, die aus dem Tunnel herausführte, und abgestürzt - andere hätten vergeblich versucht, die Sicherheitszäune um das abgeriegelte Gelände zu erklimmen.

Am Boden klebt Blut
Das Dröhnen der Beats von der nur wenige hundert Meter entfernten Hauptbühne dringt noch an die Ohren der Verzweifelten im Tunnel, während sie bereits um ihr Leben kämpfen. Es dauert, bis Polizei und Rettungskräfte die Lage in den Griff bekommen. Doch schließlich gibt es eine Rettungsgasse, und ein Rettungswagen nach dem anderen jagt mit Blaulicht und Martinshorn über die Karl-Lehr-Straße in Richtung Tunnel. Doch für viele kommt jede Hilfe zu spät.

Gegen 19.30 Uhr ist der Tunnel bis auf wenige Rettungswagen, einen Bus, Helfer und Verletzte beinahe leer. Überall liegen gebrauchte Sanitäterhandschuhe zwischen den zerbrochenen Plastikbechern. Am Boden klebt Blut. Einige Menschen sitzen am Tunnelende in gold-silberne Wärmefolien gewickelt auf dem Fußboden und werden von den Sanitätern versorgt. Der Schock steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Kleidung ist vom Straßenstaub schmutzig, die Gesichter sind dreck- und tränenverschmiert.

Mädchen blau angelaufen
Wer ärztlich versorgt wurde, wartet im Bus darauf, von hier weggebracht zu werden. Am Bus warten auch zwei 17-Jährige, Dustin aus Erkrath und Thomas aus Köln, auf die Abfahrt. Sie kamen getrennt zur Loveparade nach Duisburg. "Wir kennen uns nur, weil wir übereinanderlagen", sagt Thomas, dessen Jeanshose am rechten Bein komplett zerrissen ist. Um sein Knie trägt er einen Verband.

Beide sind staubbedeckt, und ihnen stehen die Tränen noch in den Augen. "Neben mir ist ein Mädchen gestorben", sagt Dustin. Es sei einfach erdrückt worden. Ein weiteres Mädchen habe neben ihm gelegen. Es sei schon blau angelaufen gewesen. Mit Mund-zu-Mund-Beatmung habe er sie wiederbeleben können.

"Auf mir lagen zwei Menschen"
Dabei konnte sich Dustin lange selbst so gut wie nicht bewegen: "Auf mir lagen noch zwei Menschen." Teilweise hätten fünf bis sechs Personen übereinandergelegen. Als ihn schließlich Rettungssanitäter herauszogen, verlor er seine Schuhe. "Es war so eng, die sind steckengeblieben", sagt Dustin. "Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen", berichtet der 17-Jährige. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch Luft bekomme."

Thomas meint, Security und Polizei seien mit der Situation überfordert gewesen. "Es ist nicht das richtige Gelände, es ist einfach zu eng." Ob er noch einmal zur Loveparade gehen möchte, wisse er noch nicht. Für Dustin jedenfalls sei es die erste und letzte Loveparade gewesen: "Meiner Freundin werde ich das niemals erlauben und meinen Kindern später auch nicht."

Run auf Hauptbahnhof
Dabei hatte alles so friedlich angefangen. Zum insgesamt 19. Tanzgroßereignis der Superlative kamen Hunderttausende von Technojüngern nach Duisburg. Schon zwei Stunden vor dem Startschuss zur dritten Loveparade im Ruhrgebiet nach den vielen in Berlin herrscht in der Duisburger Innenstadt der Ausnahmezustand. In breiten Strömen bahnen sich die Menschmassen auf den von Straßensperren vorgezeichneten Wegen ihren Weg zum Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Dort warteten die mit Musikboxen und Tänzern beladenen Großlastwagen, sogenannte Floats. Doch die Parade sollte nicht wie in den Vorjahren andernorts durch die Innenstadt gehen. In Duisburg wurde auf dem abgesperrten Schotterplatz im Kreis gefahren.

Auf dem Platz bekommen die meisten Besucher lange überhaupt nicht mit, was sich am Unterführungstunnel ereignet hat. Als sich später das Unglück herumspricht, setzt kurzfristig ein Run auf den Hauptbahnhof ein. Doch versucht die Bundespolizei, den Ansturm in den Griff zu bekommen. Dann aber muss auch der Hauptbahnhof wegen Überfüllung gesperrt werden. Auch die Straßen rund um die Station waren überfüllt. Erst nach Anbruch der Dunkelheit entspannt sich die Lage allmählich. Doch die Zahl der Toten steigt weiter...

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