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ÖSTERREICH in der Hölle von Bangkok ÖSTERREICH in der Hölle von Bangkok

Straßenschlachten

© Karl Wendl

 

ÖSTERREICH in der Hölle von Bangkok

Es ist Sonntag, später Nachmittag, schwüle Hitze, 34 Grad, Luftfeuchtigkeit. Mein Taxi-Fahrer bringt mich zum Ratchaprasong-Viertel, der Kampfzone Bangkoks. Rauchwolken steigen auf. 50.000 Soldaten, die an jeder Straßenecke postiert sind, sollen das Gebiet abriegeln. Sie haben Schießbefehl.

Von Alltag keine Spur: Schulen und öffentliche Einrichtungen bleiben Montag und Dienstag geschlossen, alleine seit Donnerstag starben mehr als 25 Menschen, sogar eine Ausgangssperre wird diskutiert. Wir halten an einer Straßensperre in der vierspurigen Sathon-Road, dem Finanzzentrum Bangkoks. Ein Glasturm reiht sich an den anderen. Das gesamte Gebiet ist vor Tagen evakuiert worden. Ein Geisterviertel. Kein Strom. Kein Wasser.

Der Taxifahrer dreht um, rät zur Vorsicht. Ich marschiere zu Fuß weiter.

Die blutjungen Soldaten an der Sperre interessieren sich nicht für mich. Scheinbar kann hier jeder passieren. Sie fragen weder nach einem Ausweis, noch nach einer Presseakkreditierung. Sie lächeln, sind freundlich. Tragen Sturmgewehre, Helme, schusssichere Westen. Am Hosengurt Tränengaspatronen, Gasmasken. Von irgendwoher sind Schüsse zu hören. Eine Rauchwolke ist zu sehen, es riecht nach verbranntem Gummi: "Brennende Autoreifen“, sagen die Soldaten.

Wenige hundert Meter weiter, an jener Stelle, an der sich Sathon-Road und die Rama IX kreuzen – Kampfzone. Links von der vierspurigen Straße das Lumpini-Box-Stadion. Rechts der Lumpini-Tower, ein mächtiges Hochhaus, in dem Scharfschützen lauern. Hunderte Soldaten haben sich hinter Sandsäcken eingebunkert. In Sichtweite die Barrikaden, hinter denen sich rund 15.000 „Rothemden“ verschanzt haben. Dazwischen menschenleeres Niemandsland. „Heckenschützen-Allee“, wird das Gebiet inzwischen genannt. Die „Rothemden“ – sie tragen rote T-Shirts – sind meist blutjung.

„Scheinbar völlig wahllos wird auf einmal herumgeballert“

Die Lage eskaliert. Plötzlich wird von allen Seiten geschossen – Sturmgewehrfeuer, Pumpguns, Scharfschützen. Es ist die Armee, die zuerst gefeuert hat. Scheinbar wahllos wird auf die Barrikaden geballert. Zwei Stunden lang. Dann kontern die Rothemden. M79-Granten schlagen in unmittelbarer Nähe ein. Ich suche Deckung im Boxstadion. Auch zwei Dutzend Soldaten haben sich hier verschanzt. Sie haben Angst, trotzdem lächeln sie. Sie sagen: „Die Roten sind inzwischen schwer bewaffnet. Die Presse schreibt, sie kämpfen mit Steinschleudern. Lachhaft – die sind inzwischen besser ausgerüstet als wir.“

Live im Hauptquartier der Rothemden

Kommt es hier zum Blutbad? Rachaprasong-Platz, im Zentrum Bangkoks. Hauptquartier der „Rothemden – sie tragen rote T-Shirts.

Tausende campieren auf dem Platz und im Lumpini-Park (doppelt so groß wie der Wiener Stadtpark). Männer, Jugendliche, viele Frauen, einige haben sogar ihre Kinder dabei.

Zwischen 5.000 und 15.000 sollen es sein, die das Zentrum Bangkoks besetzt halten. Sie sind Anhänger des 2006 vom Militär gestürzten Ex-Premier Thaksin Shinawatra, 59.

Thaksin sitzt in London im Exil, wurde durch Korruption reich. Seine fanatischen Anhänger werfen der jetzigen Regierung Korruption vor. Fordern Neuwahlen. Ein korrupter Politiker (der jetzige Premier Abhisit Vejjajiva, 44) soll also gegen den noch korrupteren Alt-Premier ausgetauscht werden. Die meisten der Demonstranten sind „bezahlte Dauer-Protestanten“. 2.000 Baht (40 Euro) pro Tag erhält der, der einen Pick-up-Wagen besitzt und als Fahrer zur Verfügung steht. 600 Baht (11 Euro) ein normaler Demonstrant.

Bezahlt wird von Handlangern Thaksins. In Cash. Jeden Tag. Seit Ostern sitzen sie auf dem Areal, legen das gesamten Touristen-, Einkaufs- und Bankenviertel der sieben-Millionen-Einwohner-Metropole lahm. Scheinbar gelassen warten sie auf den Sturm der Armee: „Wir gehen hier nicht weg“, sagen sie zu ÖSTERREICH, „sie müssen uns hier schon wegschießen.“

Österreicher sind sicher

Von den rund 100 Österreichern in Bangkok sind laut Behörden derzeit alle in Sicherheit. Georg Zarian, 62, lebt seit zehn Jahren in der Stadt. Er hat eine Firma zur Veredelung von Schmuck und Gold.

Zu ÖSTERREICH sagt er: „Das ist alles Wahnsinn, was hier gerade passiert.“ Aber: „Solange wir der Kampfzone fern bleiben, sind wir sicher.“ Urlauber sollen die Stadt derzeit überhaupt meiden: Das Außenamt hat für Bangkok (Flughafen ausgenommen) eine partielle Reisewarnung ausgesprochen.

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