19. März 2010 15:07
Papst Benedikt XVI. hat am Freitag den mit Spannung erwarteten Hirtenbrief
zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche unterzeichnet. Das
Schreiben, das vor allem an die irische Kirche wegen der dortigen
tausendfachen Missbrauchsfälle gerichtet ist, wird am morgigen Samstag
veröffentlicht. Besonders in Deutschland sind die Erwartungen hoch, dass
sich Benedikt in dem Brief auch konkret zu den Fällen in seinem Heimatland
äußert.
Verzögerung wegen Skandalwelle
In Rom hieß es, der Papst
wolle klare Wege aufzeigen, wie Pädophilie in der Kirche ausgemerzt werden
soll. Joseph Ratzinger hatte am Mittwoch angekündigt, das Dokument an seinem
Namenstag - dem Tag des heiligen Josef, dem 19. März - zu unterschreiben.
"Meine Hoffnung ist, dass der Hirtenbrief euch hilft auf dem Weg der Reue,
der Heilung und Erneuerung", hatte er gesagt.
Vor einer Woche hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz,
Robert Zollitsch, dem Papst von den vielen Fällen sexuellen Missbrauchs
Minderjähriger durch Geistliche in Deutschland berichtet. Der im Dezember
für die irischen Katholiken angekündigte Brief auf Italienisch und auf
Englisch verzögerte sich offenbar wegen der jüngsten Skandalwelle auch in
anderen europäischen Ländern, darunter auch Österreich. Der Vatikan will am
Samstag auch kurze Zusammenfassungen in anderen Sprachen veröffentlichen,
was dafür spricht, dass der Hirtenbrief eine gewisse Länge hat.
Forderung nach "null Toleranz"
Im Februar hatte
Benedikt die gesamte irische Bischofskonferenz zu einem Krisengipfel nach
Rom zitiert, um seine Forderung nach "null Toleranz", Aufarbeitung und
Vorbeugung von Missbrauch zu bekräftigen. Danach wurden immer mehr,
teilweise lange zurückliegende Fälle auch in Deutschland und Österreich
bekannt - unter anderem im Erzbistum München unter dem damaligen Erzbischof
Joseph Ratzinger sowie bei den über viele Jahre von seinem Bruder Georg
Ratzinger geleiteten Regensburger Domspatzen. Dies verstärkte den Ruf aus
Deutschland noch, Benedikt solle sich persönlich zu diesem Skandal äußern.
Grundsätzlich handelt es sich bei einem Hirtenbrief um Rundschreiben von
Bischöfen an die Gläubigen. Die Verfassung eines Hirtenbriefes ist also kein
Vorrecht des Papstes. Die Schreiben der Bischöfe als "Oberhirten" befassen
sich mit Glaubensfragen, aber auch mit gesellschaftlichen Fragen der Zeit.
Regelmäßig werden sie zur Fastenzeit veröffentlicht.
Leitlinien verschärfen
Der Papst selbst schreibt Schätzungen
zufolge pro Jahre etwa zehn Hirtenbriefe. Sie sind nicht zu verwechseln mit
den Enzykliken des Heiligen Vaters. Dabei handelt es sich um päpstliche
Lehrschreiben, in denen sich das Kirchenoberhaupt in verbindlicher Weise zu
grundlegenden Fragen äußert.
Die deutschen Bischöfe gaben unterdessen bekannt, ihre Leitlinien zum Umgang
mit Missbrauchsfällen verschärfen zu wollen. Demnach muss künftig jeder
Verdachtsfall der Staatsanwaltschaft gemeldet werden. Die Freisinger
Bischofskonferenz, der hauptsächlich bayerische Bistümer angehören, hatte
diese Meldepflicht am Donnerstag bereits in Kraft gesetzt. Auch die Deutsche
Bischofskonferenz insgesamt will sich nun daran orientieren, wie ihr
Sprecher Matthias Kopp am Freitag in Bonn ankündigte: "Die Ergebnisse der
Freisinger Bischofskonferenz werden in die Überarbeitung der Leitlinien der
Deutschen Bischofskonferenz einfließen."