12. März 2010 19:18
Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat endgültig den
deutschen Papst Benedikt XVI. erreicht. Erst hörte Joseph Ratzinger am
Freitag im Vatikan "tief erschüttert" den Bericht der deutschen Bischöfe
über sexuelle Übergriffe. Dann wurde ein gravierender Fall aus seiner
Amtszeit als Erzbischof von München und Freising bekannt. Damals durfte ein
einschlägig vorbelasteter Priester wieder Gemeindearbeit machen, verging
sich erneut an Jugendlichen und wurde dafür gerichtlich verurteilt. Am
Freitagabend bestätigte die Erzdiözese diese Information der "Süddeutschen
Zeitung" (Samstag) und räumte schwere Fehler ein.
"Mit großer Betroffenheit und tiefer Erschütterung hat der Heilige Vater
meinen Bericht zur Kenntnis genommen", sagte der Vorsitzende der Deutschen
Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. Der Freiburger Erzbischof hatte das
Oberhaupt der Katholiken zuvor im Vatikan über die Fülle früherer
Missbrauchsfälle informiert. Der Papst unterstütze die deutschen Bischöfen
in ihrem Vorgehen gegen sexuellen Missbrauch.
Vertrauen verloren
Die meisten Deutschen haben inzwischen das
Vertrauen in die katholische Kirche und ihre Jugendarbeit verloren. Das
ergab eine Emnid-Umfrage für den Nachrichtensender N24. Nach der in Berlin
vorgestellten Studie wirft eine große Mehrheit der 1000 Befragten - 86
Prozent - der Kirchenführung mangelnde Aufklärungsbereitschaft vor. Nur 10
Prozent glauben, die Kirche unternehme genug.
Das Bistum München und Freising räumte schwere Fehler beim Einsatz des
vorbelasteten Priesters ein. 1980 sei der Priester aus dem Bistum Essen nach
Oberbayern versetzt worden. Dann wurde er zur "Seelsorge-Mithilfe" in eine
Münchner Pfarrei geschickt. Der frühere Generalvikar Gerhard Gruber
übernehme dafür die Verantwortung. So stellte auch Vatikansprecher
Padre Federico Lombardi am Freitagabend die Affäre dar. Der heute 81 Jahre
alte Gruber habe die "volle Verantwortung" für den Fall übernommen, zitierte
Lombardi aus einer Mitteilung der deutschen Diözese. Der Papst selbst "habe
mit der Sache nichts zu tun", fügte der Vatikansprecher hinzu.
Wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt
Wie die "SZ" schreibt, saß
Benedikt XVI. beim Umzug des Priesters als Erzbischof von München und
Freising im Ordinariatsrat des Bistums, der dem Unzug zustimmte. Ratzinger
habe allerdings nicht gewusst, dass der Mann wieder in eine Gemeinde
geschickt wurde. Der versetzte Priester war 1982 bis 1985 in einer Gemeinde
tätig. "Nach Bekanntwerden von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs und der
Aufnahme polizeilicher Ermittlungen wurde er mit Schreiben vom 29. Jänner
1985 vom Dienst entpflichtet." Im Juni 1986 wurde der Kaplan laut Bistum
wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu 18 Monaten Freiheitsstrafe auf
Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt.
Die Reihe weiterer Vorwürfe wurde am Freitag immer länger. Im Erzbistum
Paderborn belastete ein Ex-Schüler den damaligen Leiter des inzwischen
geschlossenen Internats "Collegium Aloysianum". In Mainz ließ das Bistum
einen vorbestraften Sexualtäter in den 70er Jahren wieder auf Schüler los.
Ein ehemaliger Erzieher der Stiftsschule Amöneburg (Hessen) gestand laut
Bistum Fulda, dass er 1976 zwei Internatsschüler missbrauchte. Das Bistum
Würzburg beurlaubte einen weiteren Priester. Im Bistum Essen wurde ein
Ex-Domkapitular wegen sexuellen Missbrauchs eines 16-Jährigen verurteilt.
"Wunden der Vergangenheit heilen"
"Wir nehmen unsere
Verantwortung sehr deutlich wahr", betonte Zollitsch nach der
45-Minuten-Audienz. Doch gebe es in Deutschland Fälle weit über die Kirche
hinaus. Ziel müsse es jetzt sein, "die Wunden der Vergangenheit zu heilen
und mögliche neue Wunden zu vermeiden". Zollitsch bat die Opfer erneut um
Vergebung.
Zollitsch reagierte auch auf eine Äußerung des Regensburger Bischofs Gerhard
Müller, wonach die katholische Kirche in Deutschland die Lage selbst
bewältigen könne. "Wir wollen die Wahrheit aufdecken, die Opfer haben ein
Recht darauf", sagte der Erzbischof. "Wir gehen der Sache intensiv nach, aus
eigener Kraft." Missbrauchsfälle seien kein spezielles Problem der
Kirche, doch habe diese eine besondere moralische Verantwortung, betonte
Zollitsch. Mit dem Zölibat, der Ehelosigkeit der Priester, hätten die
Missbrauchsfälle nach Ansicht aller Fachleute nichts zu tun.
Grass: Zölibat muss weg
Das sieht der
Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass anders. Er will die katholische
Kirche nicht nur per Gesetz zur umgehenden Mitteilung von Verdachtsfällen an
die Staatsanwaltschaft zwingen, sondern empfahl die Abschaffung des
Zölibats. Zur Wiedergutmachung erklärte Zollitsch, die Bischöfe würden
beraten, ob weitere Hilfen für Opfer möglich seien. In der Aufarbeitung habe
man das Vertrauen der Bundeskanzlerin und der Familienministerin. Man sei
auch dabei, mit Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
(FDP) ein Gespräch zu vereinbaren. Sie hatte die Kirche scharf kritisiert.
Zollitschs Termin beim Papst galt eigentlich einem routinemäßigen Bericht
über die jüngste Versammlung der Bischöfe in Freiburg. Dann aber rückte der
Missbrauchsskandal in den Brennpunkt.
Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF erklärte in Köln,
strafrechtlich relevante Vorwürfe müssten konsequent polizeilich verfolgt
und nicht nur "intern" behandelt werden. Die Verjährung im Zivilrecht sollte
von drei auf mindestens zehn Jahre verlängert werden. Benedikt XVI.
hatte vor einem Monat die tausendfachen irischen Missbrauchsfälle als
"abscheuliches Verbrechen" gegeißelt. Die deutschen Bischöfe hatten den
staatlichen Behörden vorbehaltlose Unterstützung bei der Verfolgung solcher
Fälle zugesichert. Sie wollen zudem ihre Leitlinien für den Umgang mit
Missbrauch in der Kirche klarer fassen.