Selbstmordrate in US-Armee nimmt zu

Schock-Bericht

Selbstmordrate in US-Armee nimmt zu

Die US-Armee hat es derzeit nicht leicht. In Afghanistan, ihrem Haupteinsatzgebiet, machen ihr islamistische Aufständische zunehmend zu schaffen. Ihr dortiges Vorgehen gegen die Taliban und Al Kaida geriet zudem jüngst durch die Veröffentlichung zehntausender Geheimdokumente durch die Internetplattform WikiLeaks in Misskredit. Zu allem Überfluss schlägt nun ein interner Bericht Alarm, dass der Zusammenhalt und die Disziplin der US-Soldaten durch die Konzentration auf die Herausforderungen des Einsatzes in Afghanistan sowie im Irak sehr gelitten haben. Drogenmissbrauch und andere Vergehen sowie die Selbstmordrate in der Armee haben deutlich zugenommen.

Mangelnde Disziplin
"Wegen allem, was wir getan haben, haben wir dem Hoch-Risiko-Verhalten nicht die notwendige Aufmerksamkeit entgegengebracht", sagt der Vize-Generalstabschef der US-Armee, General Peter Chiarelli. Damit fasst er die Fehlentwicklungen während des seit 2003 dauernden Einsatzes im Irak und der seit Ende 2001 laufenden Kämpfe in Afghanistan zusammen. Chiarelli stellte am Donnerstag einen Bericht mit dem Titel "Gesundheitsvorsorge, Risikoverringerung und Selbstmordprävention" vor, der die Probleme in der Armee und ihre möglichen Ursachen beleuchtet. Die Ergebnisse zeigten, dass es für die Streitkräfte nun an der Zeit sei, sich "hinzusetzen und zu sagen, okay, welche Dinge sind auf unserer Prioritätenliste nach unten gerutscht, die wir wiederherstellen, stärken und umsetzen müssen".

Laut dem Bericht, für den 15 Monate lang die Zustände in der Armee untersucht worden waren, haben rücksichtloses Verhalten, der Konsum illegaler Drogen sowie andere kriminelle Vergehen zugenommen. Die Disziplin in der Truppe werde anscheinend gar nicht mehr konsequent eingefordert, bemängelt der Bericht. Mehr als 1.000 Soldaten, die bereits zwei oder mehr Straftaten begangen haben, sind demnach immer noch in der Armee.

32 Selbstmorde im Juni
Große Sorge macht Chiarelli auch die wachsende Zahl der Selbstmorde. Im Juni erreichte sie mit 32 Fällen ein neues Allzeithoch. Seit Jahresbeginn nahmen sich 80 aktive und 65 Reserve-Soldaten das Leben. Den Ursachen ging der Bericht auf den Grund. Demnach ist das Selbstmordrisiko bei Soldaten, die erst spät mit etwa 28 oder 29 Jahren in die Armee eintreten, dreimal höher als bei anderen. Möglicherweise hätten sie mehr persönliche und finanzielle Probleme, mutmaßt der Bericht. Besonders häufig sind Selbstmorde außerdem im ersten Jahr in der Armee, mit der Dauer des Dienstes nehme das Risiko ab.

Hinweise darauf, dass Soldaten mit wiederholten Kampfeinsätzen im Ausland selbstmordgefährdeter sind als andere, fand die Prüfkommission nicht. Vize-Generalstabschef Chiarelli schließt einen Zusammenhang dennoch nicht aus. Als Schutzmaßnahmen gegen Depressionen, Angstzustände und Selbstmordgedanken bei den Soldaten fordert der General nach Auslandseinsätzen eine längere Zeit in der Heimat. Er hoffe, dass sie bald für jedes Jahr im Ausland zwei Jahre in der Heimat bleiben könnten. Derzeit sei die Armee in dieser Hinsicht "aus dem Gleichgewicht", warnt Chiarelli.

Sinneswandel erhofft
US-Generalstabschef Mike Mullen forderte angesichts der vielen Selbstmorde die Offiziere auf, sicherzustellen, dass Soldaten, die psychologische Hilfe brauchen, nicht lächerlich gemacht werden oder Karriereprobleme bekommen. Chiarelli hofft, dass die zunehmende Zahl von Soldaten, die sich psychologische Hilfe holen, für einen Sinneswandel in der Armee spricht. Vielleicht schwinde in der Truppe das Stigma von psychischen Problemen, sagt er.

Besonders zu schaffen machen Chiarelli die vielen Selbstmorde in der Armee ohne offensichtlichen Grund. Zwei bis dreimal im Monat nähmen sich Soldaten das Leben, bei denen es keinerlei Hinweise auf schwerwiegende Probleme gegeben habe. "Das sind die, die uns so verwirren und schwer zu verstehen sind", sagt Chiarelli. Diese Fällen erinnern außerdem daran, dass die Suche nach den Ursachen der Probleme in der US-Armee noch lange nicht abgeschlossen ist.

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